Kurioses aus der Wissenschaft: Koffein und seine Auswirkungen

Hallo, ich bin Dr. Gerhard Bytof , 48 Jahre alt, und seit 2007 in der Abteilung Forschung und Entwicklung Kaffee der Tchibo GmbH beschäftigt. Wenn es um die Klärung wissenschaftlicher Fragen zu Kaffee geht, werden interne Fragen, aber auch Anfragen von Kunden häufig an mich weitergeleitet. Kann ich die Frage nicht auf Anhieb beantworten, tauche ich in meine wissenschaftliche Datenbank oder in einschlägige Suchmaschinen im Internet ein.

In unseren Schränken gibt es reichlich Coffein!

Kaffee und Koffein, sein prominentester Inhaltsstoff, sind tausendfach untersucht worden und so kann es nicht verwundern, dass ich oft eher vor dem Problem stehe unter zahlreichen, mitunter widersprechenden Berichten diejenigen zu identifizieren, die hilfreich und aussagekräftig sind. Auf die Anfrage: „coffee OR caffeine“ etwa, spuckt die wissenschaftliche Sammlung Pubmed mehr als 33 Tausend Zitatvorschläge aus – und täglich kommen neue hinzu, die ich dann für Tchibo registriere, bewerte und archiviere. Manchmal wirken einige dieser wissenschaftlichen Arbeiten etwas kurios – einige nur auf den ersten, manche auch noch nach dem dritten Blick. Ich habe hier einmal meine persönliche Hitparade zusammengestellt:

Meine Top 3 merkwürdiger wissenschaftlicher Arbeiten über Koffein:

Platz 3

Was passiert eigentlich mit dem Spinnennetz, wenn man Spinnen Marihuana, Koffein, das Schlafmittel Chloralhydrat oder ein Amphetamin verabreicht?

Antwort: Sie bauen merkwürdige Netze.

Quelle: Marshall Space Flight Center, Alabama, 1995

Was kann man daraus für die menschliche Gesundheit ableiten? So ziemlich gar nichts. Spinnen reagieren nun einmal nicht so wie Menschen. Die Substanzen lassen sich außerdem schneller und zuverlässiger mit modernen Analysegeräten bestimmen. Kategorie: Bitte zuhause nicht nachmachen!

Platz 2

Fördert Koffein eigentlich Geschicklichkeit und geistige Fähigkeiten während simulierter Fußballaktivität?

Antwort: Anscheinend ja, beides.

Aber was soll eigentlich simulierte Fußballtätigkeit sein? Nein, es ist keine Anspielung auf die schlechte Leistung des HSV gegen die TSG 1899 Hoffenheim. Tatsächlich handelte es sich hierbei auch nicht um eine Computersimulation, sondern um einen sportlichen Test. Wurden jetzt die kognitiven Fähigkeiten durch Abfragen historischer Daten beim Elfmeter ohne Ball getestet – etwa so: Lehrer: „333?“ – Schüler im Chor: „bei Issos Keilerei!“? Nein, es war einfach ein standardisierter Test, in dem Ziele fußballerisch mit dem Ball getroffen werden mussten, wobei durch eine besonders kurzfristige Zielvorgabe eben auch geistig etwas von den Testpersonen abverlangt wurde. Fazit: Während der Titel zunächst Merkwürdiges vermuten lässt, beschäftigt sich die Forschergruppe tatsächlich ernsthaft mit dem leistungssteigernden Potenzial von Koffein, das übrigens seit 2004 nicht mehr auf der Doping-Liste des Olympischen Komitees steht.

Platz 1

Bilden sich eigentlich Menschen, die täglich eher viel Koffein zu sich nehmen häufiger ein, Bing Crosby: „White Christmas“ singen zu hören als Menschen, die eher wenig Koffein zu sich nehmen?

Antwort: Wenn es sich um gestresste Australier handelt möglicherweise schon, aber es ist überhaupt nicht sicher. Ich muss einschränkend hinzufügen: dem Test wurden nur Australier unterworfen. Man hat 92 Testpersonen Kopfhörer aufgesetzt, über die so genanntes weißes Rauschen zu hören war. Die Probanden sollten sich melden, sobald sie das Lied „White Christmas“ hörten – der Clou: das Lied wurde niemals gespielt. Die Untersuchung, die methodisch auf bestenfalls tönernen Füßen steht, fand großes Echo in der Presse. Das kann ich gut verstehen. Die Frage, ob Koffein auditorische Halluzinationen verursacht, finde ich, hat schon an sich einen hohen Unterhaltungswert. Allerdings habe ich jetzt erst einmal einen Ohrwurm. Und welches Lied geht Ihnen gerade durch den Kopf?

Fazit

Wo viel geforscht und geschrieben wird, muss zwar nicht in jedem Fall etwas Sinnvolles herauskommen, man darf aber schon davon ausgehen, dass es in der Wissenschaft vorwiegend darum geht, die tatsächlichen Effekte von Kaffee oder Koffein aufzuklären.

Noch ein Beispiel: Es ist Aufgabe der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) gesundheitsbezogene Aussagen zu Lebensmitteln (so genannte „Health Claims“) offiziell zu bewerten. Die EFSA stützt sich dabei ausschließlich auf seriöse wissenschaftliche Literatur und wägt die vorhandenen Befunde bezüglich ihrer Aussagekraft sorgfältig gegeneinander ab. Was Koffein angeht, so kam die EFSA nach eingehender Prüfung der Ergebnislage zu dem Ergebnis, dass Koffein unter bestimmten Voraussetzungen, die sportliche Leistungsfähigkeit unterstützen könne (z. B. „reduction in the rated perceived exertion/effort during exercise“). Außerdem hielten die Prüfer die vorgelegten Belege für überzeugend, dass Koffein zu einer erhöhten Aufmerksamkeit beitragen könne („increased alertness / attention“). Koffein kann sich demnach rühmen, bei zigtausend abgelehnten Health-Claim-Anträgen, unter die wenigen hundert, von der EFSA positiv bewerteten Anträgen gekommen zu sein. Noch hat die politische Instanz, also die EU-Kommission, die entsprechenden gesundheitsbezogenen Aussagen nicht frei gegeben: die Health Claims sind auf „on hold“ gesetzt. Es wird sicherlich noch spannend werden, wie sich die EU-Kommission hierbei entscheidet.

 

Quellen

  • Noever, R., J. Cronise, and R. A. Relwani. 1995. Using spider-web patterns to determine toxicity. NASA Tech Briefs 19(4):82.
  • Foskett, A., Ali, A. und Gant, N. (2009). “Caffeine enhances cognitive function and skill performance during simulated soccer activity.” International Journal of Sport Nutrition and Exercise Metabolism 19: 410-423.
  • Crowe, S.F., Barot, J., Caldow, S., D’Aspromonte, J., Dell’Orso, J., Di Clemente, A., Hanson, K., Kellett, M., Makhlota, S., McIvor, B., McKenzie, L., Norman, R., Thiru, A., Twyerould, M. und Sapega, S. (2011). “The effect of caffeine and stress on auditory hallucinations in a non-clinical sample.” Personality and Individual Differences 50(5): 626-630.

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