Die ideale Lieferkette: Das Appachi Eco-Logic Project in Indien

Woher kommt eigentlich die Baumwolle für die blaue Hemdbluse? In welchem fernen Land wurde sie gesät und geerntet? Unter welchen Bedingungen? Wo wurde sie dann zur Bluse versponnen? Diese Fragen werden für uns immer wichtiger. Ein Grund, über textile Lieferketten an sich und Mani Chinnaswamy aus der Kabini Region in Südindien insbesondere zu schreiben.

Die Ernte des Rohstoffs (Baumwolle) und die Weiterverarbeitung zu Textilien (Hemdbluse) im möglichst gleichen Land – das wäre eine nachhaltige Lieferkette. Ist das so besonders? Ja! Besonders daran ist, dass es in der internationalen Textilindustrie noch kein Standard ist. Wer nachhaltige Lieferketten aufbaut, sollte es aber versuchen.

In diesem Zusammenhang möchte ich Mani Chinnaswamy, Geschäftsführer von Appachi Eco-Logic Cotton, und sein außergewöhnliches Baumwollprojekt in Indien vorstellen. Mani Chinnaswamy steht mit seinem Projekt am Anfang dieser „auf den Kopf gestellten“ nachhaltigen Lieferkette. Auf den Kopf gestellt heißt: Vom Rohstoff her zu denken, und nicht – wie sonst üblich – vom Produkt her. Denn normalerweise beginnt die Tchibo Lieferkette hier in Hamburg. Dort gestalten unsere Designer die Non-Food-Produkte, ergo auch Kleider, Bluse, Hosen. Meine Kollegen aus den Bereichen Qualität und Einkauf leiten daraus die Anforderungen für Materialien und Lieferanten ab. Die Lieferketten organisieren sie also vom Design bis zurück zu den Rohstoffen.

Nun wollten wir sicherstellen, dass unsere Produkte, wie etwa die Hemdbluse, die besonders hochwertige Baumwolle aus dem Projekt von Mani Chinnaswamy beinhalten. Dafür mussten wir – ausgehend vom Rohstoff Baumwolle – komplette indische, nachhaltige Zulieferketten selbst organisieren.

Hintergrund: Bio-Baumwolle gibt es nicht per Telefon-Order ”Schickt mal Bio-Baumwolle”. Für große Händler wie Tchibo ist es eine Herausforderung, innerhalb der nächsten zwei Jahre nur noch Baumwolle aus nachhaltigen Quellen zu beziehen und diese umwelt- und sozialverträglich weiter zu verarbeiten. Dahinter stehen viele Entwicklungsprojekte und eine ganz neue Art der Lieferkettengestaltung, wie eben zum Beispiel in Indien.

Gestartet sind wir also mit dem Rohstoff aus dem Appachi Eco-Logic Projekt vom charismatischen Baumwollfarmer Mani Chinnaswamy. Diese Baumwolle ist sozial- und umweltverträglich von Kleinfarmern hergestellt worden (die übrigens nichts mit den auch nur namensähnlichen Apachen zu tun haben). Mit der Textilherstellung haben wir bewährte indische Partner aus unserem Lieferantenqualifizierungsprogramm WE beauftragt. Mit WE werden unsere strategisch wichtigen Konfektionäre unterstützt, Sozial- und Umweltstandards in ihren Betrieben umzusetzen.

So entstand also unsere neue Eco-Logic-Kollektion (inklusive Hemdbluse), deren erste Stücke wir ab heute verkaufen. Ein weiterer Ausbau der Zusammenarbeit mit Mani Chinnaswamy ist geplant.

Neben der Umwelt und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Produktionsstätten profitieren insbesondere über tausend Kleinfarmer und ihre Familien vom Wissen über hochwertige Produkte und von höheren Baumwollpreisen, die deutlich über dem Weltmarktpreis liegen.

Übrigens: Wir sind stolz darauf, dass schon heute 85% unserer Baumwolltextilien mit Baumwolle aus nachhaltigem Anbau produziert sind. Bei der Menge der von uns verarbeiteten Bio-Baumwolle ist Tchibo damit die Nummer 3 weltweit.

 

Liesl Truscott Liesl Truscott, European & Farm Engagement Director bei Textile Exchange, hat übrigens einen wunderbaren Blogbeitrag über Mani Chinnaswamy geschrieben, den ich Ihnen nicht vorenthalten will. Textile Exchange ist eine gemeinnützige Organisation, deren Ziel es ist, die Produktion und Verwendung von organisch angebauter Baumwolle zu erhöhen. Dabei sieht sich Textile Exchange als Vermittler zwischen Farmern und großen Bekleidungsproduzenten.

2 Tage bei Mani Chinnaswamy: Ländliches Indien – Fortschritt durch ökologische Landwirtschaft

Gandhis Vision für Indien war ein Zusammenspiel aus politischer Selbstverwaltung und selbstständigen, freischaffenden Menschen. Menschen, die in den Dorfgemeinschaften leben, ihren eigenen Lebensunterhalt bestreiten und von den Produkten ihrer Heimatstätte leben können. … Wenn ich über die Visionen von Gandhi für Indien nachdenke, frage ich mich, ob Mani Chinnaswamy, Begründer der ökologischen Appachi Baumwolle, nicht aus demselben Holz wie Gandi geschnitzt ist?

Obwohl ich Mani schon einige Jahre kenne und jetzt schon gute zwei Tage mit ihm auf Reisen bin, frage ich mich noch immer, was diesen Mann bewegt. Sicher ist, dass da etwas ist was diesen Mann antreibt – und das ist definitiv nicht Geld. Mani und seine Frau Viji sind für ihren Einsatz für die Baumwollpflücker sehr bekannt.

Neben der Weberei setzt sich Mani leidenschaftlich für das UNESCO-Weltkulturerbe Westghats ein, ein ökologisch sehr sensibles Gebiet mit einem Waldschutzgebiet für wilde Tiere ganz in der Nähe von Manis Zuhause in Südindien. Die Region im „Kabini-Reservat“ in der Mani das Apachi-Projekt fördert, ist von fünf Waldschutzgebieten umgeben, die Mehrheit der Schutzgebiete sind bekannte Tiger-Reservate. Die Westghats gehören weltweit zu den acht Gebieten mit der größten Artenvielfalt. Es gibt dort 5.000 verschiedene Pflanzenarten, 139 Säugetier-Arten (darunter der Bengalische Tiger), 508 Vogelarten und 179 Amphibienspezies. Zudem finden sich noch 325 weltweit bedrohte Arten in der Region. Daneben lebten in den Westghats auch hunderttausende Stämme, die auf traditionelle Lebensweise Nahrung und Honig sammelten und Ackeranbau betrieben.

Durch das Apachi-Projekt (in die Wege geleitet von Mani und seinem langjährigen Partner und Projektkoordinator Mr. Anand Patil) gab es die Möglichkeit, den Stammesbauern mit der Aufnahme von biologischer Landwirtschaft zu helfen und gleichzeitig das große Ökosystem Westghats zu erhalten.

Die Aufgabe war und ist nicht einfach. So mussten Mani und Anand nicht nur das Vertrauen zu den Stämmen aufbauen, sondern gleichzeitig mit dem forstwirtschaftlichen Ministerium und lokalen Händlern „konkurrieren“, die aktiv den Anbau von Plantagen (zum Beispiel Bananen) bis zu den Rändern des Waldes vorantrieben.

Diese Monokulturen sind nicht so nachhaltig wie der gemischte Anbau, sie erhöhen auch das Risiko, dass Tiere (besonders Elefanten) die Ernte zerstören und damit auch das Leben der Bauern gefährden. Eine Sache, die mir deshalb an der ökologischen Landwirtschaft gefällt, ist der Fokus auf ein ausgewogenes System. So können die Elefanten in Ko-Existenz mit den Bauern leben, wobei alle Interessen berücksichtigt werden, ohne dass harte Grenzen gezogen werden müssen. So erklärt Mani das Land als Pufferzone zum Wald, mit Futterstätten für die Elefanten. Damit die Ernte der Bauern nicht zerstört wird. Denn sobald wir anfangen uns mit diesen großartigen grauen Riesen zu streiten, können wir nur verlieren.

Erster Tag- Die Wahl

Am ersten Tag meines Besuches hat Mani mir ermöglicht, dass ich beim Treffen der Bauern dabei sein kann. Die Einladung ging an alle interessierten Farmer von 12 Stämmen. Mani und Anand haben den Grundstein für ökologische Landwirtschaft vor drei Jahren in der Region gelegt und mittlerweile haben sich 150 Bauern dem Projekt angeschlossen. Zu dieser Erntesaison waren Mani und Anand sehr hoffnungsvoll (und gespannt), wie die Resonanz in diesem Jahr ausfällt. Anhand des angespannten Gesichtsausdrucks von Manni konnte ich sehen, wie er dem Treffen entgegenfieberte. Bis jetzt hatte ich noch keine Ahnung von der Bedeutung dieses Treffens.

Nach der ersten Begrüßung gingen alle zum zentralen Treffpunkt nach unten. Als wir uns näherten, konnte ich sehen, dass der komplette Bereich mit zeremonieller Dekoration geschmückt war.  Ich konnte sehen wie Manis Gesicht sich entspannte, als er die Menge von rund 60 bis 70 Menschen im Schatten des überdachten Pavillons sah. Mani hatte mir zuvor berichtet, dass jedes Dorf durch die Stammesführer und die führenden Bauern vertreten wurde. Zusammen mit den vielen Mitgliedern des Gastgeberdorfes sah das ganze sehr vielversprechend aus.

Ein Bauer stand auf und erzählte uns stolz, dass die Stämme sich durch die ökologische Landwirtschaft dem Land noch enger verbunden fühlten. Die Ökologie sei so zu einem Teil der Kultur und dem Erbe der Stämme geworden. Er sagte, dass die Ökologie eine Ermächtigung für die Stämme zu einer neuen Lebensweise sei, und den nachfolgenden Generationen immer weiter überliefert würde.

Der letzte Punkt wurde mit Nicken, Lächeln und Gemurmel von der Menschenmenge begrüßt. Ein anderer Farmer stand auf und erzählte uns, dass die ökologische Landwirtschaft für ihn eine Herzensangelegenheit sei. Es wäre nicht unbedingt ein komplett neuer Denkansatz, sondern basiere auf einer Philosophie die bereits in der Tradition der Stämme existiere. Er glaube, dass diese Philosophie zu mehr Autonomie führe.

Ich fühlte wie meine Augen sich mit Tränen füllten. Auf einmal habe ich die ganze Verantwortung gespürt, die auf den Schultern von Mani und seinem Team liegen. Was für ein wichtiger Austausch!

ENDLICH – stand die Wahl an. Vor zwei Jahren hatte Mani 50 Farmer, letztes Jahr waren es 150, und dieses Jahr hofften wir mindestens auf die doppelte Menge. Überall im Raum konnte man hoch gehobene Arme sehen. Ich sah, wie Manis und Anands Blicke durch das Zimmer wanderten, um auch alle Stimmen zählen zu können. Ich bemerkte, wie sich ein Lächeln im Raum verbreitete - als die endgültige Wählerliste die über 300 Stammesbauern enthielt. Diese verfügen allein schon über 500 Baumwollfelder. Es war einfach ein schöner und sehr erfolgreicher Tag- wir waren alle begeistert.

Kerzen wurden in der Mitte des Raumes angezündet, ich habe ein selbstgemachtes blaues Glas in der Mitte platziert, danach wurde Tee serviert.

 

Zweiter Tag – Die Macht der Mikroben

Der nächste Tag fing sehr früh an, unten an den Appachi-Feldern. Viele der Frauen und Männer waren über 20 km mit einer Rikscha angereist. Dutzende kamen mit anderen kleinen Fahrzeugen an.

Kurze Zeit danach war der Platz gefüllt mit Farmern, die alle begierig waren mit den Lessons zu starten. Die Männer saßen zusammen,  so wie die Frauen. Alle waren sie gekommen um mehr über ihre neue Rolle als ökologische Bauern und als Techniker zu erfahren. Mr. Raham hatte Saat, Kräuter, Blätter, Ghee, und Mixturen als Lehrmaterial bereit gelegt. Die Stunde sollte in zwei Sprachen stattfinden, einmal auf Englisch, und einmal auf Kannada (dem lokalen Dialekt ).

Für die Frauen gab es andere große Aufgaben, bzw. einen eigenen Geschäftszweig. Sie würden für die Saatbehandlung, den Bio-Dünger, botanische Schädlingsbekämpfung und andere Mixturen verantwortlich sein. In Gruppen organisiert, waren die Frauen eifrig dabei die weiteren Aufgaben zur Erhöhung der Einnahmen zu erlernen. Heute waren sie da um die Rezepte und Zubereitungsmengen zu studieren, die sie Farmern dann verkaufen könnten. Die Frauen sind die Wissensträger, sie sollen langfristig in der lage sein, die Krankheiten der Baumwoll-Pflanzen der Männer zu diagnostizieren und das richtige biologische Mittel dann zu verabreichen.

Biologische Landwirtschaft erfordert Fachkenntnisse über Ökosystemen und wie sie interagieren. Für die Bauern von Kabini, kein Zweifel, wird dies nur eine von vielen Gelegenheiten sein, bei denen sie ihr Wissen teilen und weiter vertiefen können. Die Arbeit von Appachi und der Bauern von Kabini wird von Textil Exchange weiter begleitet.

Ich beende meinen Blog mit einem Tipp den Mani den Bauern gegeben hat: Sei stolz auf dein Erbe. Steh fest auf eigenen Beinen. Es besteht keine Notwendigkeit abhängig zu sein. Lasst uns ein gutes Beispiel für alle Bio-Farmer auf der ganzen Welt sein. Ich glaube Gandhi wäre sehr zufrieden damit…

 

 

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1 Kommentare zu „Die ideale Lieferkette: Das Appachi Eco-Logic Project in Indien

  1. Change-M

    Liebe Sandra,

    das klingt ja nach einem spannenden Projekt mit vielen Herausforderungen! Klasse, dass ihr es geschafft habt, die Lieferkette „auf den Kopf“ zu stellen und so die Kleinfarmer in Indien unterstützen könnt.

    Viele Grüße
    Das Change-M-Team

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