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Auf einen Kaffee mit Bertram Gugel: Fernsehen oder YouTube?

Mit der Sesamstrasse bin ich aufgewachsen, liebte (vor langer Zeit) „Wetten dass…?“, arbeitete viele Jahre für’s Fernsehen. Und heute? Höchstens Tatort und Klaus Kleber, ansonsten iTunes und Youtube. Stellt sich also die Frage: Wird das klassische Fernsehen überleben? Wenn ja, wie? Trinken wie Kaffee mit einem, der es wissen muss: Bertram Gugel, Kommunikations- und Medienwissenschaftler, TV-Experte und Blogger (Blog Digitaler Film). Bertram Gugel hat Vorstellungen, wie das Fernsehen der Zukunft aussehen könnte, wie Social TV funktioniert und warum YouTube die größte Herausforderung für die Fernsehmacher ist.

 

Herr Gugel, was kommt nach „Wetten das, …”? Hat der klassische Familienfernsehabend ausgedient?

Bertram Gugel: Der klassische gemeinsame Fernsehabend ist zumindest nicht mehr die Norm. Aber es gibt sie noch, einige wenige Sendungen, die gemeinsam geschaut werden. Dazu gehören Formate wie die Fußball-WM und andere Großereignisse, vielleicht auch in Ansätzen noch „Wetten das, …” oder Tatort. Es ist heute aber ja vielmehr so, dass zwar mehrere Personen vor dem Fernseher sitzen können, aber letztendlich doch jeder für sich allein schaut, weil er sich parallel mit Facebook, chatten oder ähnlichem beschäftigt.

Stichwort „Second Screen“: sehr viele Bundesbürger sind abends beim Fernsehen per PC, Smartphone oder Tablet parallel online. Vor allem Jüngere tauschen sich dabei über Serien und Shows aus. Trägt dieses Social TV eher zum Niedergang bei – oder ist es eine Chance für das Fernsehen?

Betram Gugel: Im ersten Moment ist das ein Vorteil, da die Bindung an das Programm gesteigert wird: Damit Social TV funktioniert müssen ja alle Nutzer gleichzeitig online sein und sich parallel zum laufenden Programm austauschen. Das macht Social TV so interessant – und deshalb gehört ihm die Zukunft. Aber es gibt natürlich auch einen gravierenden Nachteil: In dem Moment, wo die Nutzer anfangen, sich nicht nur über die Sendung auszutauschen, sondern zum Beispiel über ihr Privatleben, ist die Aufmerksamkeit für das laufende Fernsehprogramm nicht mehr gewährleistet. Fernsehen wird dann das zweite Radio, ein Nebenbei-Medium.

 

Das Internet verändert das Fernsehen, es wird gefacebookt, gechattet, geshoppt – bei laufendem Programm. Ein richtiges Format aber, das das Internet mit aktuellen Bewegtbildinhalten verbindet, hat noch kein Sender geschaffen?

Bertram Gugel: Die Sender haben ein strukturelles Problem das Thema anzugehen: Dialog und Austausch mit Nutzern ist extrem schwierig, wenn Inhalte komplett abgedreht bzw. schon lange im Voraus produziert wurden. Deshalb fehlt oft die Möglichkeit, von einer Episode zur Nächsten das Format zu adaptieren. Das Feedback der Nutzer kommt momentan immer erst dann, wenn zum Beispiel eine Serie bereits abgedreht ist. Um gute Formate zu entwickeln, müssen die Sender interaktiver und schneller werden.

Wie könnten denn neue Konzepte aussehen? Sind Spartenkanäle für Frauen, Männer, Kinder oder Best Ager, eine Alternative?

Bertram Gugel: Das glaube ich nicht. Spartenkanäle sind zwar einfach zu bedienen, aber es ist meist Fernsehen aus der Konserve, da wird nichts Neues produziert. Gegen das Internet mit seinen Millionen von Kanälen können Spartensender nur verlieren. Dann sollte das Fernsehen lieber zu seinen alten Stärken zurückfinden, also der hochwertigen Unterhaltung und der Information eines breiten Publikums.

Also überlebt das Fernsehen doch?

Bertram Gugel: Fernsehen bzw. Fernsehformate haben auf jeden Fall eine Zukunft. Ich wage aber zu bezweifeln, dass die bestehende Form, mit dem linearen Rahmen (Tagesschau um 20 Uhr, Spielfilmbeginn 20.15 Uhr) und dem Senderlogo vorne drauf, bleibt. Serien und Spielfilme werden wir immer dann schauen, wenn wir Lust und Zeit haben, ein Fußballspiel wiederum macht zeitversetzt weniger Spaß. Die größte Herausforderung des Fernsehens ist aber You Tube.

Warum YouTube? Braucht das Videoportal dann nicht auch bessere, übersichtlichere Konzepte und eine ansprechendere Oberfläche?

Bertram Gugel: Ganz einfach, YouTube ist mehr als Fernsehen. Wollen Sie wissen, wie man eine Krawatte bindet? YouTube verrät es. Wollen Sie Spanisch lernen? Kein Problem. YouTube kann einfach jede Menge unterschiedlicher Bedürfnisse befriedigen, und das schneller, besser und umfangreicher als das klassische Fernsehen. YouTube ist sozial, kommunikativ, interaktiv – und eine E-Learning-Plattform. Und YouTube wird immer strukturierter – wie das Fernsehprogramm. Es gibt zwei primäre Zugänge: Zum einen über die Suchfunktion, zum anderen über die Kanäle, wo man dann z.B. Nachrichtenformate, wie LeFloid oder Comedyformate wie Y-Titty findet.

Danke für das Gespräch!

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1 Kommentare zu „Auf einen Kaffee mit Bertram Gugel: Fernsehen oder YouTube?

  1. Markus Dahlem

    in Sachen Tutorials ist Youtube einfach unschlagbar, wer etwas gut kann teilt sein Wissen mit anderen (und kann auch was damit verdienen wenn sie oft angeklickt werden ;). Aber für wirklich umfangreiche Informationen würde ich persönlich lieber auf Dokumentationen setzen, bei denen setze ich ein Mindestmaß an Recherche voraus um mich nicht von der Meinung eines einzelnen beeinflussen zu lassen…

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