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Blog, Geld & Fleisch

Auf einen Kaffee mit: Foodblogger Stevan Paul

Auf einen Kaffee mit meinem Hamburger Quartiersnachbarn Stevan Paul – welch Freude! Kennengelernt hatten wir uns vor ein paar Jahren auf einer Social Media Veranstaltung, seitdem ist Stevans Food Experten-Status in astronomische und kulinarische Höhen geschnellt. Der bekennende Wahlhamburger gilt heute als Deutschlands bekanntester Foodblogger, kein Wunder steht er doch den ganzen Tag mit Leidenschaft am Herd, wenn er nicht gerade mit Tim Mälzer Kochrezepte (Greenbox, Heimat) entwickelt, oder für sein Streetfood-Werk „Auf die Hand“ auf Tour ist. Stevan Paul, das Multigenie, ist Koch, Foodstylist, Foodblogger, Kochbuch- und Buchautor sowie Restauranttester. Let’s talk!

 

Stevan, was unterscheidet einen lesenswerten Blog von anderen?

Ein lesenswerter Blog bietet einen Mehrwert, der über andere Blog- oder Medienangebote hinausgeht, erzählt persönliche Geschichten, zeigt eigene Ideen und eine eigene Haltung, bleibt dabei aber offen für Austausch und Kommunikation.

Was hat sich in der Zeit, in der du in der Blogosphäre unterwegs bist, am meisten verändert?

Die Professionalisierung der Blogs in den Bereichen Technik, Gestaltung, Visualisierung und Photographie ist schon erstaunlich und auch inhaltlich verschwimmen die Grenzen zwischen Privatinitiative und professionellem Blog immer mehr.

 

Und speziell im Bereich Food?

Gerade im Foodbereich. Jede(r) ist plötzlich Koch, Foodstylist und Fotograf, es wird sehr ambitioniert gekocht und fotografiert. Verstärkt treten Foodies auch als KochbuchautorInnen auf, sind Gesichter für Werbekampagnen und Marken.

Was ist dein Rat an alle, die einen Blog starten, aber nicht in der Masse untergehen möchte?

Zunächst mal wird man immer in der Masse untergehen. Es ist wirklich schwerer geworden, im Blograuschen noch Akzente zu setzen. Wer aber in Inhalt und Umsetzung auf Qualität setzt, Lust an Kommunikation und Austausch hat, dazu einen eigenen Charakter und Persönlichkeit mitbringt, der bleibt nicht lange allein. Das wichtigste ist, sich selbst treu zu bleiben und authentisch zu sein.

 

Jede Szene unterliegt ihren Trends. Unter Foodies sind vegane und antiallergene Rezepte aktuell total gefragt – Hype oder langfristiger Trend?

Das sind nur die Themen, die gerade am lautesten behandelt werden, auch weil das Themen sind, die für die Industrie interessant sind: mit veganen Produkten, mit Superfood, Supersamen, Smoothies und Co. ist Geld zu verdienen. Tatsächlich erfreut sich die Foodblogszene mittlerweile aber einer größeren thematischen Bandbreite. Es gibt zu jedem Trend auch den Gegentrend und insgesamt langsam ein wachsendes Interesse, auch an den politischen Aspekten von Ernährung und Genuss.

Was kommt nach Tofu, Quinoa und Co., welche In-Foods stehen in den Startlöchern?

Die Renaissance des Fleisches läuft bereits, weniger, dafür von bester Qualität. Das ist mittlerweile ein riesen Trend, der sich parallel zu Veganismus und Vegetarismus weiterentwickelt. Die Leute entdecken das ganze Tier wieder, den Wert eines Tieres, interessieren sich ganz generell fürs kulinarische Handwerk und sehen sich immer öfter vor der eigenen Haustüre um. Regionalität und die Wiederentdeckung der eigenen kulinarischen Identität und Tradition, das wird uns noch länger begleiten, hoffe ich.

Was setzt sich am Ende durch: über begehrte Themen zu schreiben oder seine eigene Nische zu finden?

Es ist schon immer das Neue, das am stärksten fasziniert. Ich wünschte mir nur manchmal einen tieferen Blick auf und in Zusammenhänge. Die Gefahr im schnelldrehenden Trendkarussell die Übersicht über alle Mitfahrgelegenheiten zu verlieren, ist groß.

Irgendwann kommt der Tag, an dem zum ersten Mal die Ideen für spannende Artikel ausgehen. Wie macht man sich frei von der Denkblockade? 

Reisen. Raus aus der eigenen Komfort-Zone, am besten noch raus aus dem eigenen Kulturkreis, wenn möglich. Mal alles vergessen, was man gelernt hat und vermeintlich beherrscht. Wieder mal viele Fragen stellen, wieder mal Lehrling und Schüler sein, zuhören und zusehen.

 

Auf welches Utensil sollte ein angehender Food Blogger auf gar keinen Fall verzichten?

Das Smartphone ist schon unersetzlich. Die kleinste Einheit um zu bloggen, zu fotografieren, zu kommunizieren, aufzuzeichnen. Ich bin süchtig. Es ist schrecklich. Aber so großartig.

Welche Blogs gefallen dir so gut, dass du sie regelmäßig verfolgst? 

Ehrlich gesagt sind das eine Menge, und ich mag die Vielfalt. Über die Social Media Verknüpfungen Facebook, Twitter und Co. bin ich mit so vielen Blogs verbandelt und kann nach Tagesfreizeit entscheiden, was mich interessiert und wen ich alles besuche, was ich lese und wo ich kommentiere.

Was machen diese Blogs besonders gut?

Tolle Bilder, spannende Rezepte vielleicht auch, aber vor allem: interessante Themen, schlaue Gedanken. Oder um es mit einer Liedzeile der Hamburger Band Die Sterne zu sagen: „Denn von allen Gedanken, schätz’ ich doch am meisten, die interessanten.“

Blogger professionalisieren sich zunehmend, allerdings unterscheiden sich die Entwicklungen in einigen Bereichen. Kann man vom Food bloggen alleine leben?

(lacht) Das kann ich ausschließen. Ernsthaft, alles was Foodblogger machen, das Kochen, das Schreiben, das Fotografieren, das sind ja auf professioneller Ebene echte Berufe, Berufe die ein Studium, eine Lehre, eine Ausbildung erfordern und trotzdem aber, gerade auch im Moment, nicht zu den hochbezahlten Superjobs im Land zählen. Da gibt’s dann auch im Amateurbereich nur ein Zubrot, wenn überhaupt. Also: nicht zu früh kündigen!

Wie viel Zeit braucht es, bis ein Blog bekannt ist: Vernetzt man sich heute noch schneller als früher oder heißt es abwarten und Kaffee trinken?

Das vermag ich nicht zu beantworten. Ich blogge seit Januar 2005 und bin sehr froh, nicht erst jetzt damit anfangen zu müssen. Zeit und Konstanz sind heute wahrscheinlich noch mehr mitzubringen, als in den Anfängen. Aber dann! Einfach loslegen. Bloggen ist immer noch ein tolles Abenteuer, eine spannende Form der Kommunikation, jeden Tag.

 

Danke Stevan für das Gespräch!

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