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Ipanema Coffee Farm: Die Entdeckung der Langsamkeit

Es gibt ja schon lange das Gerücht, dass das Leben in lateinamerikanischen Ländern etwas langsamer ablaufen würde. Ebenfalls Brasilien soll dafür bekannt sein, dass sich die Menschen hier etwas mehr Zeit lassen. Morgen ist ja schließlich auch noch ein Tag! Nach ein paar Monaten hier vor Ort kann ich mit Bestimmtheit sagen: Es ist tatsächlich so.

Ich bezeichne mich ungern als typischen Deutschen, dafür habe ich zu viele Einflüsse aus anderen Ländern (etwa Peru) kennen- und leben gelernt. Aber natürlich gibt es für mich viele Dinge, an die ich mich in meinem privaten Leben (über das Arbeitsleben berichte ich demnächst wieder) im Bundesstaat Minas Gerais erst noch gewöhnen musste. Beziehungsweise ich bin immer noch dabei.

Ein tolles Beispiel sind die Rechnungen für zum Beispiel Strom, Wasser oder die Kreditkarte. Sie werden nur selten rechtzeitig zugestellt, so dass es kaum möglich ist, diese vor dem Fälligkeitsdatum zu begleichen. Also werden in regelmäßigen Abständen Strafzahlungen von ein paar Prozent des Rechnungsbetrages fällig. Auch Terminabsprachen werden nicht immer eingehalten. Zu einer Verabredung zum Essen sollte man nicht zu pünktlich kommen, ansonsten kann man in Ruhe das erste Getränk alleine genießen.

Aber auf der anderen Seite sorgt diese Lebensart auch für eine Art Entspannung (sofern man sich darauf einlässt). Die Brasilianer haben sowieso die Fähigkeit viele Dinge hinzunehmen. Wenn also der Faktor Verkehr die Fahrzeit nach Sao Paulo um zwei Stunden verlängert, dann ist das so, warum darüber aufregen. Wenn das Meeting nicht pünktlich beginnt, sitzen wir halt im Anschluss länger zusammen, denn am Ende gibt es für jedes Problem eine Lösung. Ob es sich dabei um die optimale Lösung handelt, darüber lässt sich sicher streiten.

Weniger Stress hat zudem den angenehmen Effekt, dass die Menschen weiterhin unheimlich freundlich und hilfsbereit bleiben. Es fehlt zwar manchmal das Feingefühl, wenn ich beispielsweise Dinge im Portugiesischen nicht verstehe, wird zwar noch gerne drei, vier Mal das Gesagte wiederholt, jedoch immer im gleichen, schnellen Tempo, so dass die Wiederholung am Ende nicht viel bringt. Irgendwie versteht man sich aber.

Am Ende hat das Leben auch hier unterschiedliche Seiten, nicht alles ist perfekt, wo ist es das schon. Es lässt sich aber aushalten und nebenbei entdecke ich weiter die Langsamkeit, auch mal interessant.

  • Wie halten Sie es mit dem Lebenstempo? Sind Sie auch im Herzen Brasilianer oder ein ganz schneller Deutscher?

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1 Kommentare zu „Ipanema Coffee Farm: Die Entdeckung der Langsamkeit

  1. Joachim

    Eigentlich wundert mich das zumindest in bezug auf die neue Entwicklung der brasilianischen Gesellschaft. Zur Zeit wächst der Wohlstand in dem Land ja erheblich, einhergehend mit der europäisch-nordamerikanischen Lebenskultur. Und dazu gehören ja eigentlich auch Fragen der Detailtreue. Aber vermutlich ist das Land immer noch recht disparat.

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