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Selbstversuch: Dr. Bytofs Experimente

Wann sollte man Kaffee trinken und wann auf keinen Fall?

Guten Morgen, schon wach? Ich habe heute etwas ganz Verrücktes gemacht! Ich habe mich einem Selbstversuch unterworfen und schon vor 9.30 Uhr einen Becher Kaffee getrunken (siehe Beweis-Selfie, Tchibo Ikone Mister Pithey war Zeuge – und um ganz ehrlich zu sein, war es schon mein zweiter)! Was dabei herauskam? Siehe unten.

Dr. Bytof testet den ersten Kaffee – sehr früh! Mr. Pithey im Nacken

Mal ne‘ ganz andere Frage: Gibt es in Ihrer Umgebung auch Menschen, die ständig die bunten Meldungen Ihrer Lieblings Online-Gazette oder irgendeines neu ge-„hypten“ Internet-Magazins lesen? Gehören Sie vielleicht sogar selbst mit dazu?

Wenn ja – und da schließt sich der Kreis – werden Sie immer mal wieder Gelegenheit haben, über das Dauerthema Kaffee zu stolpern, oder überhaupt über Ihr eigenes Verhalten zu reflektieren und es mit dem Ihrer Umgebung abgleichen – Motto: Wetten, dass ihr Nudeln IMMER falsch schält und beim Kochen von Bananen 10 Fehler macht? Kann sein, dass ich da etwas durcheinanderbringe, denn bin ich doch weder „Digital Native“ noch „Millenial“. Jahrelange positive Erfahrungen scheinen nichts mehr wert zu sein; immer wieder gibt es etwas, was man – ohne es zu ahnen – die ganze Zeit komplett falsch gemacht hat. Dazu gehört auch die Behauptung, dass ihr Kaffee falsch oder zur falschen Tageszeit trinkt.

Ich muss mich hier mal „outen“: als irgendetwas zwischen „Baby Boomer“ und „Generation Golf“ – da ist man ja nicht mehr unbedingt „up-to-date“ (sagt man das noch oder ist das jetzt „voll Achtziger“?). Aber immerhin weiß ich, dass man beim „Selfie“ ein „Duckface“ machen muss. Außerdem verstehe ich als Biologe und Kaffeewissenschaftler in der Tchibo Forschung & Entwicklung auch ein bisschen was von Kaffee und seinen Wirkungen.

Nun also zur angeblich „richtigen“ bzw. „falschen“ Tageszeit fürs Kaffee trinken, ein Thema, dass seit etwa 5 Jahren durch das Netz geistert. Es geht auf einen Blog-Beitrag  zurück, in welchem ein Doktorand einfach nur die Idee diskutiert, ob es sich denn wirklich lohne, morgens Kaffee zu trinken, wo doch unser natürlicher Cortisolspiegel  kurz nach dem Aufwachen sowieso schon den höchsten Wert habe. Und: er weiß die Antwort nicht und freut sich daher darauf, das Thema auf einer Fachkonferenz zu erörtern. Keine Studien, keine wissenschaftlichen Daten, dafür aber etwa 330. 000 Clicks – und ein fettes Presse-Echo über > 5 Jahre und ein animiertes Youtube-Video (englisch) – nicht übel für eine bloß mal eben in den Raum gestellte Überlegung. 

Kein Kaffee zwischen 8 und 9 Uhr? no way!

Und von so was soll ich mir den Kaffee vor Halb zehn verleiden lassen?
Fakten-Check / Was sagt die Wissenschaft dazu: Bringt der Morgenkaffee eigentlich gar nichts?

  • Es wird überhaupt nicht berücksichtigt, dass Coffein sehr unterschiedlich wirkt, je nachdem, ob man von Natur aus eher der „Eulen“- oder der „Lerchen“-Typ ist (= Nachtmensch oder Frühaufsteher) oder wie lange und wie gut man vorher geschlafen hat
  • Auch das Hormon Melatonin steuert ganz wesentlich den Tag-Nacht-Rhythmus. Anders als beim Cortisol gilt, je höher unser Melatoninspiegel, desto müder sind wir. Durch Tageslicht (genauer: dem Blauanteil darin) wird es gesenkt. Aber auch Coffein hat einen vermindernden oder verzögernden Effekt auf unseren Melatonin-Spiegel  – was sich in verminderter Schläfrigkeit äußert. Besonders stark war der Effekt auf Wachheit und Laune, wenn blaues Licht (wirkt über unsere Augen) und Coffein kombiniert wurden: Also, den Morgenkaffee vielleicht ruhig im Freien genießen, auf dem Balkon oder, gegen den Winterblues, vor einer Tageslichtlampe.
  • Zum Schluss das Hauptargument: Der Coffein-Wachmachereffekt läuft vor allem über die Blockade von Rezeptoren, die eigentlich auf das Müde-Signal in Form des körpereigenen Botenstoffes Adenosin reagieren würden. Coffeinwirkung läuft auch ein bisschen über seinen indirekten Cortisol-Effekt, aber eben deutlich weniger – erst recht bei Personen, die an Coffein gewöhnt sind.

Damit beantwortet sich die Frage, ob man seinen Kaffeekonsum auf seinen aktuellen Cortisolspiegel abstimmen sollte: Nein, der Wachmachereffekt von Kaffee und Co. Ist ziemlich unabhängig vom Cortisolspiegel. Vertrauen Sie Ihrer eigenen Erfahrung und trinken Sie Ihren Kaffee wann immer er Ihnen schmeckt und gut tut.

Meine wichtige Erkenntnis heute: In unserer 16 Tassen Filterkaffeemaschine in der Büro-Cafeteria schmeckt African Blue am besten in der Dosierung 89 g: Maschine nochmal gereinigt, Filterpapier vorher gespült und Bohnen frisch gemahlen. Der erste Pott Kaffee vor 9.30 Uhr war genauso, wie er sein sollte: frisch aromatisch lecker, wohltuend und angenehm wachmachend. Der zweite war von Thomas gekocht: 84g sind eindeutig zu wenig! –  Dabei sage ich stets: verdünnen kann man doch immer, nur nachträglich stärker machen, ist schwierig.

Und, ob falsch oder richtig, ich hab es heute – wie schon seit vielen Jahren – auch ohne Onlinetipp oder „Podcast“ wieder geschafft, nur das essbare Innere einer Banane in mein Frühstücksmüsli zu schneiden und die Bananenschale in die Komposttonne zu tun. Ob Kaffee oder Banane : auch komplett analog lässt sich also ein Tag ziemlich erfolgreich starten.

 

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1 Kommentare zu „Wann sollte man Kaffee trinken und wann auf keinen Fall?

  1. Thomas

    Hallo Herr Dr.,

    du hast leider vergessen zu erwähnen, dass du deinen „starken“ Kaffee noch mit Milch verdünnst. Mal davon abgesehen, dass man als Kaffeeexperte das feine African Blue Aroma nicht mit Milch erschlagen sollte, so relativiert sich so doch ganz schnell was die Richtige Dosierung ist, oder?

    LG, Thomas

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