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Auf einen Kaffee mit: Corinna Mühlhausen vom Trendbüro

Sie hat eine Glaskugel und liebt Espresso. Sie forscht über den Konsumenten 2020 und die Latte Macchiato Familie 2.0. Kurzum: Trendcoach Corinna Mühlhausen ist eine spannende Interviewpartnerin und die erste Kandidatin für unsere Reihe „Auf einen Kaffee mit…“ 2013!  Seit 1995 arbeitet die Trendforscherin im Büro von Professor Peter Wippermann – im Kaffeesatz lesen sie dort übrigens selten. Wir sprachen über den Lebensstil von morgen, Schweinebraten, Spaß im Job, soziale Netze – und natürlich Kaffee!

Frau Mühlhausen, zunächst die Stadtfrage: Hamburg oder München?

Die Trendforschung passt perfekt nach Hamburg: Eine entspannte Stadt mit hoher Bereitschaft zum Wandel. Hier weht ein steter Wind der Veränderung.

Ihr Themengebiet ist u.a. der Gesundheitsmarkt, Healthy Living. Wie wird sich der Konsummarkt dahingegen verändern?

Die Konsummärkte spiegeln immer den Wertewandel der Menschen wider. Derzeit erleben wir, wie sich Lifestyle in persönlichen Healthstyle verwandelt. Wir alle geben unserer Sehnsucht nach Gesundheit und Wohlbefinden mehr Raum – und konsumieren entsprechend unseren persönlichen Vorlieben Gesundheitsprodukte aus den Bereichen Vorsorge, Sport, Ernährung, Entspannung, Kosmetik, Reisen usw.

Essen Sie denn noch ungesunde Lebensmittel wie Schokolade und Schweinebraten?

Ich esse schon seit sehr vielen Jahren sehr ungerne Fleisch, liebe aber Schokolade auf Brot. Darüber hinaus verfahre ich nach der Devise: Iss von allem aber nicht immer das Gleiche. Und kombiniere mit viel Frischem.

Haben Sie sich auch schon mit dem Thema Kaffee beschäftigt?

Kaffee ist für mich ein besonders faszinierendes Getränk. Es erfüllt neben der physiologischen Funktion, die eindeutig bewiesen ist, auch eine psychologische und eine soziale. Kaffee spendet nicht nur Energie sondern hilft dabei, eine Pausenkultur zu pflegen, die in unserer stand-by-Gesellschaft von unschätzbarem Wert ist. Und ist dabei ein Getränk, das sich alleine genießen und mit anderen teilen lässt.

Wie viel Kaffee trinken Sie? Und welchen bevorzugt?

Ich habe morgens immer sehr viel Energie, so dass ich wochentags nicht mit Kaffee in den Tag starte. Aber ich liebe es, ein bis zwei mal am Tag einen Espresso mit geschäumter Milch zu trinken. Und ich habe auch den subjektiven Eindruck, dass der Kaffee besser „wirkt“, wenn ich ihn nicht den ganzen Tag trinke sondern dann, wenn ich eine Pause in meiner Arbeit brauche, wenn ich mich zu einem Gespräch verabrede oder einfach einen natürlichen Energieboost vertragen könnte.

Leben Sie die Trends, die Sie ermitteln?

Als Trendforscherin, die sich schon seit beinahe zwei Jahrzehnten mit den Veränderungen in unserer Gesellschaft beschäftigt, wäre es schwer möglich, jeden Wandel mitzumachen. Zumal sich viele der Veränderungen auch durch Impulse von außen ergeben – beispielsweise soziale oder kulturelle Veränderungen, die ich natürlich nicht alle am eigenen Leib erfahre. Aber gerade die Themen, die einen selbst berühren, verfolgt man mit einer höheren Leidenschaft und Reflexionsfähigkeit.

Sie kennen die Zukunft vielleicht ein bisschen besser als wir. Alarmiert Sie das oder gibt das Wissen Grund zur Entspannung?

Die Beschäftigung mit den großen gesellschaftlichen Wertewandelentwicklungen, also Trends, ist grundsätzlich etwas, was die eigenen Ängste vor Veränderungen und der Zukunft abbauen hilft. Der Trendforscher weiß, dass wir Menschen als Individuen sowie als Gesellschaft sehr gut in der Lage sind, uns auf Neues einzustellen. Trends sind deshalb immer auch Beschreibungen von Anpassungsstrategien – spannend und beruhigend zugleich.

Sie haben sich auch schon mit dem Thema „Spaß im Job“ beschäftigt. Ihre fünf wichtigsten Punkte dazu?

Die Arbeitsmarktforschung zeigt, dass es tatsächlich fünf Zutaten sind, die aus einem Job einen erfüllenden Beruf machen: Das Gefühl von Selbstwirksamkeit, Anerkennung, Abwechslung, Standortfaktoren, Entlohnung. Mit den Veränderungen in Ökonomie und Ökologie, in Technik und Kultur verändern sich natürlich auch die Anforderungen, die an den Einzelnen gestellt werden. Das geht nicht immer ohne Reibungsverluste ab. Und trotzdem kann jeder für sich selbst, in seinem Team und mit seinem Vorgesetzten versuchen, ein wenig von dem Sand zusammenzukehren, der so gerne ins Getriebe rutscht.

Gibt es aktuell Trends, die Sie und Ihre Kollegen überhaupt nicht vorhergesehen haben? Oder Vorhersagen von Forschern, die bis heute nicht eingetroffen sind?

Mit der Jahrtausendwende und auch jetzt wieder nach dem prognostizierten aber ausgefallenen Weltuntergang vom 21.12.12 wurde auf breiter Front Bilanz gezogen: Welche Visionen der Futurologen beispielsweise aus den 1960 bis 1970er Jahren haben sich bewahrheitet, welches Gadget zur Erleichterung des Alltags – von selbstfahrenden Autos bis zu Bildtelefonen – wurde Realität? Und das Ergebnis zeigt eine erstaunlich hohe Trefferquote. Nur wenige Vorhersagen waren utopisch. Die moderne Trendforschung hat sogar eine noch höhere Trefferquote. Die Beschäftigung mit der Zukunft ist keine Glaskugel-Guckerei – obwohl ich sogar eine wunderschöne besitze. Es geht vielmehr darum, die Entwicklungen von Gegenwart und jüngerer Vergangenheit heranzuziehen, um daraus wahrscheinliche Zukünfte für die nächsten Jahre zu entwickeln. Und so Gesellschaft und Wirtschaft auf das vorzubereiten, was auf uns zukommt.

Von Ihnen stammt der schöne Begriff „Lattemacchiato Familie 2.0“ (Leben 2030). Was können wir uns denn darunter vorstellen?

Die typische Lattemacchiato Mutter wohnt im Prenzlauer Berg in Berlin und ist in letzter Zeit gehörig in Ungnade gefallen. Sie tut den ganzen Tag nichts als mit ihrem Kind in Cafés abzuhängen und ihre ländliche Heimat nun in der großen Stadt nachzuspielen. Der Zusatz des 2.0 soll aber andeuten, dass auch dieser Lebensstil schon wieder im Wandel begriffen ist: Die neuen Lattemacchiatos sind nicht mehr nur Mütter sondern gleich ganze Familien. Sie pflegen eine starke Werteorientierung, sind dabei nicht per se unpolitische Hipster. Vielmehr haben sie sich zu modernen Familien weiterentwickelt, die sich um eine neue Geschlechterparität und ein ausgeglichenes Familien- und Berufsleben bemühen. Der Latte Macchiato bleibt als Getränk das Symbol für die Sehnsucht nach der Heimat im urbanen Raum, nach Weltoffenheit gepaart mit Traditionsbewusstsein.

Welchen Bezug haben Sie zu Social Media Kanälen?

Für die Trendforschung werden die sozialen Netze immer wichtiger. Unsere größte Wertewandeluntersuchung, der Werte-Index, der im Jahr 2012 bereits zum zweiten Mal durchgeführt wurde, und als Ergebnis eine Top Ten Liste der wichtigsten Werte hat, ist eine Auswertung von rund 500.000 Beiträgen in Social Media Kanälen von Facebook bis Twitter. Diese Medien weisen inzwischen eine so hohe Verbreitung auf, dass sie nicht mehr nur als Stimmungsbild sondern als echter Indikator für Veränderungen in Gesellschaft und Wirtschaft dienen können.

Was wird Ihrer Ansicht nach 2013 wichtig?

Wir werden in diesem und in den nächsten Jahren erleben, wie sich das Grundprinzip unserer Gesellschaft wandelt. Aus strengen Hierarchien werden flexible Netzwerke. Dieser Wandel ändert die Art, wie wir Innovationen generieren, wie wir kommunizieren, wie wir produzieren. Wir können uns jederzeit miteinander vernetzen, der Einzelne kann sich einmischen, weil er die Macht hat, mit einer Stimme unendlich viele Menschen zu erreichen. Im Ergebnis steht uns dadurch eine Umkehr der Kräfteverhältnisse bevor: Unternehmen erkennen, dass sie erst nach den Bedürfnissen der Menschen fragen müssen und dann produzieren und liefern sollten, das Individuum muss die Herausforderung ernst nehmen, sich selbst als Hauptverantwortlichen seines persönlichen Lebensglücks anzuerkennen. Das geht nicht ohne Reibungsverluste vergrößert aber das Spielfeld unserer Möglichkeiten. Resilienz, also die Anpassungsfähigkeit, wird zum Schlüssel zum Glück. Und dazu gehört auch, dass jeder Einzelne Strategien erlernen muss, seine eigenen Kräfte einzuteilen und beizeiten die Batterien wieder aufzuladen. Und auch dabei kann eine Tasse Kaffee Wunder bewirken…

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1 Kommentare zu „Auf einen Kaffee mit: Corinna Mühlhausen vom Trendbüro

  1. Lydia80

    Schönes Interview…ich wollte auch mal in die Marktforschung gehen, habe ich aber leider verworfen. Vorallem die Konsumgütermarktforschung ist wirklich ein extrem spannendes Feld.

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