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Blogserie Menschenrechte (1)

Wann gibt es existenzsichernde Löhne in der Textilindustrie?

Unsere T-Shirts, Schlafanzüge und Sporthosen werden zumeist von Lieferanten in Asien hergestellt. Das ist bei globalen Modeherstellern üblich. Tatsächlich ist die Textilindustrie vor Ort – also in Ländern wie China, Bangladesch und Kambodscha – einer der größten Arbeitgeber. Die Beschäftigten (meist Frauen) erhalten in der Regel gesetzliche Mindestlöhne. Diese sind oft so niedrig, dass das Einkommen nicht für den Unterhalt der ganzen Familie ausreicht.

 

 

Ein großes Problem, das wir nicht als einzelnes Unternehmen lösen können, sondern nur gemeinsam mit weiteren Akteuren. Deshalb arbeiten Gewerkschaften und 21 Marken wie Händler aus Europa, den USA und Australien daran, dass alle Arbeiterinnen und Arbeiter in der Textilbranche existenzsichernde Löhne, also „Living Wages“, verdienen. Zu diesem Zweck wurde im Jahr 2016 die Initiative ACT (Action Collaboration Transformation) gegründet. Wie weit ist die Initiative heute – im Dezember 2018? Gibt es Einkaufspraktiken und Herausforderungen im Wettbewerb, die ein Vorankommen erschweren, wenn nicht gar verhindern? Ich sprach dazu mit meiner Kollegin Nanda Bergstein, Direktorin Unternehmensverantwortung, und Dr. Frank Hoffer, Geschäftsführer ACT und langjähriger Experte der Internationalen Arbeitsorganisation ILO.

 

Nanda Bergstein, Direktorin Unternehmensverantwortung, Tchibo

 

Nanda, das Thema „existenzsichernde Löhne“ wird im Textilsektor schon lange diskutiert, worum geht es genau?

Nanda Bergstein: Im globalisierten arbeitsteiligen Textilsektor gelten geringe Lohnkosten bei korrespondierendem Preisdruck immer noch als größter Vorteil im Wettbewerb. Das gilt für die Produktaufträge sowohl aus Perspektive der Einkäufer als auch aus Perspektive der Verkäufer. In nahezu allen Textilmärkten sind die gesetzlich festgelegten Mindestlöhne deshalb bestenfalls um den Faktor 2, schlimmstenfalls um den Faktor 5 zu niedrig, um die Lebenshaltungskosten der überwiegend weiblichen Beschäftigten und ihrer abhängigen Familienangehörigen abzudecken. Und darüber hinaus die freie Verfügbarkeit eines Teil des Lohns z.B. für Rücklagen in Notsituationen sicherzustellen. Gepaart mit einem Überangebot an Arbeitskräften und dem Ausfall sozialer Systeme in den Produktionsländern, verharren die Einkommen der Beschäftigten seit Jahren auf Armutsniveau.

 

Aber Tchibo und viele andere Handelsunternehmen profitieren doch in gewisser Weise von den niedrigen Löhnen in Produktionsländern?

Nanda Bergstein: Die Textilindustrie ist weltweit häufig die Eingangsindustrie für eine weitergehende Industrialisierung von Volkswirtschaften. So war das auch in Europa. Mit ihrem geringeren Investitions- und Ausbildungsbedarf bietet die Branche Potentiale für Arbeitsplätze und Wachstum. Allerdings wird dieses positive Potential in der Gegenwart insbesondere in Asien nirgends oder nur vereinzelt ausgeschöpft; und wenn überhaupt dann mit zusätzlichem Druck auf Menschen, Umwelt, Klima und Ressourcen. Wer soll auf Dauer davon profitieren, wenn wir die Grundlagen für die Zukunftssicherung unserer globalisierten Wirtschaft unwiederbringlich verbrauchen? Das System ist für niemanden langfristig tragbar. Hier ist Umsteuern dringend angezeigt.

 

Warum bezahlen wir nicht einfach höhere Einkaufspreise? Es gibt mittlerweile Studien, die berechnet haben, dass nur ein Bruchteil mehr bezahlt werden müsste, um Beschäftigten in Lieferketten einen deutlichen Lohnzuwachs zu ermöglichen?

Nanda Bergstein: Machen wir es konkret: Der Anteil der Lohnkosten an den Einkaufspreisen beträgt bei Textil-Produkten – je nach ihrer Komplexität – zwischen 17 % und 26 %. Mehrkosten für die Zahlung existenzsichernder Löhne sind daher wettbewerbsrelevant, wenn diese Mehrkosten nicht oder nicht vollständig an die Endverbraucher weitergeben werden können. Wenn nicht alle Marktteilnehmer an höhere Löhne gebunden sind, muss es hier unweigerlich zu Wettbewerbs-Verzerrungen kommen; diese bestehen bereits heute zu Lasten derjenigen, die sich um bessere Sozialstandards inklusive höhere Löhne kümmern. Hier ist die Initiative ACT ein neues bahnbrechendes Steuerungsinstrument, das in Ermangelung gesetzlicher Regelungen zu einheitlichen Wettbewerbsbedingungen und zur Existenzsicherung in der Lohnfrage führen kann.

 

Dr. Frank Hoffer, ACT

 

Herr Hoffer, hier kommen Sie in Spiel: warum gibt es ACT und wie funktioniert der Ansatz?

Frank Hoffer: Unter den Bedingungen globaler Konkurrenz bedürfen existenzsichernde Löhne der Kooperation zwischen Unternehmen und der Zusammenarbeit von Arbeitgebern und Gewerkschaften. Daher haben sich inzwischen 21 internationale Konzerne sowie IndustriALL Global Union, der globale Dachverband der Textilgewerkschaften, in der Initiative ACT (Action, Collaboration, Transformation) zusammengefunden. Unser Ansatz basiert zum einen auf zu verhandelnden Flächentarifverträgen mit kontinuierlichen Lohnsteigerungen oberhalb der Inflationsrate und des Produktivitätszuwachses in den Produktionsländern. Für alle Arbeitgeber gelten damit dieselben Bedingungen auf dem Weg zu existenzsichernden Löhnen. Zum anderen verpflichten sich die ACT Mitgliedsunternehmen im Rahmen geänderter Einkaufspraktiken u.a. dazu, die höheren Lohnkosten in ihren Preisen zu berücksichtigen.

Im in den Verhandlungen am weitesten fortgeschrittenen Markt Kambodscha werden ACT Mitgliedsunternehmen darüber hinaus zunächst bis zum Dezember 2022 mehr Aufträge platzieren, solange ihre Geschäftsumsätze auch im globalen Maßstab wachsen. Damit werden eventuelle Wettbewerbsnachteile von Kambodscha gegenüber anderen Lieferländern, die im Thema Flächentarifverträge noch nicht so weit sind, vermieden. Wir gehen auch davon aus, dass sich die Stärkung von Arbeitnehmerrechten und existenzsichernde Löhne selbst nach und nach auch zu einem Reputationsgewinn und damit zu einem Standortvorteil entwickeln werden.

 

Wie verhält sich das Prinzip ACT zu anderen Living Wage Modellen, etwa dem Asia Floor Wage oder der Global Living Wage Coalition mit festen Schwellen? Warum macht man nicht mehr Druck auf die Produzentenländer, ihre Mindestlöhne zu erhöhen?

Frank Hoffer: Der Asia Floor Wage hat viel dazu beigetragen, das öffentliche Bewusstsein über die niedrigen Löhne in vielen textilproduzierenden Ländern zu stärken. Richard und Martha Anker von der Living Wage Coalition haben überzeugende Methoden zur Berechnung eines existenzsichernden Lohnniveaus entwickelt. Beide Ansätze geben jedoch keine Antwort, wie unter den Bedingungen globaler Konkurrenz und des harten Wettbewerbs um Preise Löhne auf ein existenzsicherndes Niveau steigen sollen. Das ist der entscheidende Unterschied zu ACT: Die Verbindung von nationalen Tarifverhandlungen mit geänderten Einkaufspraktiken der ACT Mitgliedsunternehmen ist der Mechanismus, der den Tarifparteien den institutionellen Rahmen und wirtschaftlichen Handlungsspielraum dafür bietet.

 

Fabrikarbeiterinnen in Bangladesch

 

Nanda, Flexibilität, kaum Verbindlichkeiten oder Partnerschaften, das ist in vielen Handelshäusern Teil der Einkaufsstrategie, um die besten Preise zu erzielen. Was versprechen sich die ACT Mitglieder von dieser Initiative?

Nanda Bergstein:  Das Ziel ist es, existenzsichernde Löhne in der Textilindustrie in den wichtigsten Produktionsländern durchzusetzen. Die Verbindlichkeit für alle einkaufenden internationalen Unternehmen kommt – wegen des Fehlens gesetzlicher Regelungen über Mindestlöhne hinaus – aus den Flächentarifverträgen der sozialen Dialogpartner (Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften) vor Ort. ACT Mitglieder unterstützen das insbesondere durch langfristige Geschäftsbeziehungen mit den Produktionsländern und ihren tarifvertragstreuen Lieferanten, sowie durch Übernahme der höheren Löhne in den Einkaufspreisen. Damit werden existenzsichernde Löhne wettbewerbsneutral in den Wareneinstand eingepreist. Der Prozess ist in Kambodscha am weitesten fortgeschritten, weitere Pilotländer sind die Türkei, Bangladesch, Myanmar und Vietnam.

 

 

Herr Hoffer, ist ACT eine Form des klassischen Sozialen Dialogs Europas? Welche Rollen spielen dann die Gewerkschaften sowie staatliche Stellen vor Ort?

Frank Hoffer: Weltweit gibt es im Grunde drei Methoden der Lohnfindung: durch den Staat, durch den Markt, oder durch Gewerkschaften und Arbeitgeber. In der globalen Textilindustrie legen die Regierungen insbesondere aus Wettbewerbsgründen die Mindestlöhne fast überall viel zu niedrig fest und wegen des Überangebots an Arbeitskräften verharren die Löhne auf dem Armutsniveau. Der einzelne Beschäftigte hat da überhaupt keine Verhandlungsmacht. Deshalb brauchen wir Verhandlungen zwischen Tarifparteien über Löhne und Arbeitsbedingungen im gesamten Sektor.

Dass Flächentarifverträge in europäischen Ländern erfolgreich zu sozialem Frieden, fairen Löhnen und hoher Produktivität beitragen, ist sicherlich ein wichtiges Argument. Wir machen keinen abstrakten Vorschlag, sondern können darauf verweisen, dass dieser Ansatz funktioniert. Wir machen den Gewerkschaften und Arbeitgebern vor Ort ein Angebot: Wenn ihr die Lebens- und Arbeitsbedingungen durch Flächentarifverträge deutlich verbessert, werden unsere Mitgliedsunternehmen dies durch ihre Einkaufspraktiken unterstützen. So können die Menschen vor Ort selbst über ihre Arbeitsbedingungen und Löhne verhandeln.

 

ACT ist ein gemeinschaftlicher Ansatz, der alle relevanten Stakeholder in der Textilindustrie einbeziehen will. Aber bis dato sind außer Gesprächen keine signifikanten Fortschritte gemacht worden. Was läuft da schief?

Frank Hoffer: Ja, das ist wahr und es ist ein Dilemma. Wir haben keine Zeit, die Beschäftigten brauchen jetzt bessere Arbeits- und Lebensbedingungen. Und doch benötigen neue und systemische Lösungen ihre Zeit. Die Zeit, um Zusammenarbeit und Vertrauen zwischen konkurrierenden ACT Mitgliedsunternehmen und einem globalen Gewerkschaftsverband aufzubauen. Die Zeit für Arbeitgeber und Gewerkschaften in den Produktionsländern, sich auf Verhandlungen zu verständigen, während bisher häufig eine eher autoritäre Betriebskultur vorherrscht. Die Zeit, Vertrauen zwischen Produzenten und einkaufenden Unternehmen aufzubauen. Das ist sicher die größte Hürde. Denn viele Produzenten befürchten, dass ACT sie ermutigt, höhere Löhne zu zahlen, diese aber am Ende doch nicht in den Einkaufspreisen berücksichtig werden, weil Preis, Termintreue und herkömmliche Produktqualität für die Einkaufsentscheidung ausschlaggebend blieben. Sobald der erste Flächentarifvertrag abgeschlossen ist, müssen wir zeigen, dass die Skepsis fehl am Platze war. Nur dann werden andere Länder bereit sein, diesem Beispiel zu folgen.

 

Wo sehen Sie ACT in 10 Jahren?

Frank Hoffer: Ich habe keine Kristallkugel und spätestens nach dem überraschenden Fall der Berliner Mauer habe ich mir abgewöhnt zu glauben, weit in die Zukunft schauen zu können. Wir wissen nicht wie sich der Handelskrieg zwischen den USA und China weiterentwickeln wird, vermehrt hören wir Warnungen vor einer neuen Finanzkrise und wer kann schon sagen, ob die EU den wiedererwachenden Nationalismus in den Mitgliedsstaaten überleben wird. Dies sind nur einige Fragen, die massive Auswirkungen auf die Zukunft der globalen Textilindustrie haben werden. Aber lassen sie es mich so formulieren.  Wenn wir in 10 Jahren unseren Ansatz in den wichtigsten Produktionsländern verankert haben, dann war es der richtige Weg.

 

Wie steht es mit Bemühungen außerhalb der Textilindustrie? Unterhaltungselektronik, Möbel, Spielwaren?  

Frank Hoffer: Grundsätzlich ist das Modell aus der Textilindustrie übertragbar. Das ist aber keine Frage der Theorie, sondern der Herausforderungen, vor denen eine Industrie steht. In keinem anderen Sektor gibt es einen vergleichbaren Druck von kritischen Konsumenten und von der Zivilgesellschaft. Im öffentlichen Bewusstsein dient vielen die heutige Form der globalen Textil- und Bekleidungswirtschaft – obwohl alle gerne günstig kaufen – als Beispiel dafür, dass mit der Globalisierung etwas falsch läuft. Aber es braucht nicht nur eine guten Idee und Druck von außen, sondern auch die unternehmerische Überzeugung und Risikobereitschaft, in eine nachhaltige Transformation der Industrie zu investieren. Ich denke letzteres ist, was unsere Mitgliedsunternehmen von anderen unterscheidet.

 

 

Nanda, die Kundinnen und Kunden würden es uns doch sicher danken, wenn wir ermöglichen, dass die Menschen in der Textilindustrie von ihrer Arbeit leben können?

Nanda Bergstein: Kunden erwarten, dass in den Produktionsketten nicht gegen Arbeits- und Sozialstandards sowie Menschenrechte verstoßen wird. Das gleiche gilt im Übrigen für Umwelt- und Klimastandards. Die Realität ist leider eine andere. Bei der Preisbereitschaft für sozial- und umweltverträgliche Produkte gibt es selbst bei Kunden mit überdurchschnittlichem Einkommen Nachholbedarf. Existenzsichernde Löhne und bessere Arbeitsbedingungen müssen deshalb ebenso wie Umwelt- und Klimaverträglichkeit zum selbstverständlichen Bestandteil einer zeitgemäßen Produktqualität werden. Solange Verbindlichkeit und damit Wettbewerbsneutralität nicht bzw. nicht ausreichend über gesetzliche Vorschriften herzustellen sind, brauchen wir Alternativen. Deshalb ist Tchibo Gründungsmitglied von ACT.

 

Auch das deutsche Textilbündnis hat das Ziel, existenzsichernde Löhne durchzusetzen. Wie ist das Verhältnis von ACT und dem Textilbündnis?

Frank Hoffer: Wir haben mit dem Textilbündnis eine strategische Partnerschaft vereinbart und wir wollen bei dem Thema existenzsichernde Löhne zusammenarbeiten. Wir freuen uns natürlich, wenn wir hier neue Partner und Unterstützer finden und sind gerne bereit, unsere Erfahrungen und Vorarbeiten einzubringen. Der Erfolg der weiteren Zusammenarbeit hängt jetzt wesentlich davon ab, wie viele Mitglieder des Textibündnisses ACT unterstützen werden, zum Beispiel bei der Umsetzung eines ersten Flächentarifvertrages in Kambodscha.

Nanda Bergstein: Im Rahmen des deutschen Textilbündnisses wird ACT als zur Zeit einziges bestehendes Programm zur flächendeckenden Durchsetzung von existenzsichernden Löhnen gesehen. Derzeit wird eine sogenannte Bündnisinitiative vorbereitet, die interessierten Bündnismitgliedern die Teilnahme an ACT auch ohne offiziellen ACT-Mitgliedsstatus ermöglicht. Das liegt auch im Interesse von ACT, weil dadurch die Nachfrage nach Flächentarifverträgen in den Produzentenländern – und damit nach existenzsichernden Löhnen – weiter gesteigert und das „Rad nicht nochmal erfunden“ wird. Letztlich darf man nicht vergessen, dass ACT eine globale Initiative ist und damit auch eine größere Reichweite und Abdeckung erzielen kann, um existenzsichernde Löhne durchzusetzen.

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