#Time4Green

Experteninterview: Warum gibt es so wenig Bio-Baumwolle?

Ich kann es nicht oft genug sagen: Wer Kleidung aus Bio-Baumwolle kauft, rettet ein Stück weit die (Um)Welt! Beim Anbau von Bio-Baumwolle wird gegenüber herkömmlicher Baumwolle eine Menge Wasser (fast 70%) gespart, und natürlich auch chemische Pestizide. Was gut für Mensch (Farmer wie Verbraucher) und Natur ist.

 

Dennoch: der Anbau von Bio-Baumwolle ist weltweit sehr, sehr gering. Warum? Wenn die Umstellung auf organische Landwirtschaft solch große Herausforderungen für Cottonfarmer und Unternehmen sind, warum tut man sich nicht einfach zusammen? Fragen, die ich an Crispin Argento und Bart Vollaard von der Initiative Organic Cotton Accelerator (OCA) stelle. OCA ist eine Multi-Stakeholder-Initiative, an der neben Nichtregierungsorganisationen auch große namhafte Bekleidungsunternehmen – wie wir von Tchibo – teilnehmen. Das Ziel: Gemeinschaftlich einen weltweit prosperierenden und nachhaltigen Baumwoll-Sektor aufzubauen.

 

 

Bart, warum hat Bio-Baumwolle so viele Vorteile?

Bart: Gesunde Böden, ein gesundes Ökosystem, gesunde Menschen und erfolgreiche Farmer- Communities – darum geht es bei Bio-Baumwolle!
Beim Anbau von Bio-Baumwolle wird besonders auf die Verwendung von Methoden und Materialien geachtet, welche die schädlichen Auswirkung auf unsere Umwelt und die Menschen, die an der Produktion beteiligt sind, möglichst geringhalten. Eines der Schlüsselprinzipien des ökologischen Anbaus ist es, auf den Gebrauch von Giften, Düngemitteln und von persistenten synthetischen Pestiziden – sowie genetisch manipuliertem Saatgut – zu verzichten. Der große Vorteil: die Belastung durch Schadstoffe für Bauern und Arbeiter wird erheblich reduziert und das Risiko, das Grundwasser zu verschmutzen, erheblich gesenkt.

On top: Weil beim biologischen Anbau auch Wert auf Mischkulturen und Kulturwechsel gelegt wird,  wird Bio-Baumwolle meist zusammen mit anderen Kulturpflanzen gesetzt. Oft ist das essbares Getreide, was wiederum die Ernährungssituation der Klein-Farmer verbessert und Preisinflation und Klimawandel ein wenig abfedert. 
Tatsächlich hilft Bio-Baumwolle auch dabei, den Klimawandel etwas zu verringern, da weniger Treibhausgas entsteht als bei herkömmlicher Anbauweise und Kohlenstoff im Boden gebunden wird.

 

Bildquelle: http://www.organiccottonaccelerator.org/

Wie viel Bio Baumwolle wird derzeit weltweit angebaut?

Bart: Die neueste Zahl der weltweiten Produktion von Bio-Baumwolle: in der Saison 2015/16 wurden fast 108.000 Tonnen Bio-Baumwollfasern produziert  (2017 Organic Cotton Market Report von Textile Exchange). Wenn man diese Zahl mit der gesamten weltweiten Baumwollproduktion aus demselben Jahr vergleicht – 21,48 Millionen Tonnen (ICAC) -, beträgt der Marktanteil von Bio-Baumwolle 0,5% des weltweiten Baumwollmarktes.

 

0,5% Bio-Baumwolle weltweit: das ist echt wenig!

Crispin: Der Anbau von Bio-Baumwolle bleibt begrenzt, da zwischen Angebot und Nachfrage eine große Schere besteht. Die Nachfrage nach Bio-Baumwolle ist zwar hoch, aber die Markt- und Preisstrukturen funktionieren nicht. Handelsmarken brauchen viel Bio-Baumwolle und Farmer werden nicht ordentlich entlohnt. Durch unsere Initiative OCA hat sich der Großteil des Sektors auf eine gemeinsame Plattform, Agenda und Vision geeinigt, um zusammen zu investieren, um das Modell zu stärken und zu beschleunigen, damit es allen zugute kommt, vom Landwirt bis zum Verbraucher.

Wo befinden sich denn die Hauptanbaugebiete von Bio-Baumwolle, wächst diese nicht überall?  

Bart: Indien ist seit Jahren der weltweit führende Hersteller von Bio-Baumwolle. Laut dem jüngsten Organic Cotton Market Report von Textile Exchange ist es für 56% der weltweiten Produktion von Bio-Baumwolle verantwortlich. Weitere wichtige Erzeugerländer sind China (13%), die Türkei und Kirgisistan (jeweils 7%), Tadschikistan (6%), die USA (4%) und Tansania (3%).

Damit Baumwolle erfolgreich wächst, ob organisch angebaut oder nicht, benötigt sie günstige Wachstumsbedingungen. Angefangen bei der optimalen Temperatur, über das richtige Maß an Sonnenschein bis hin zur Bodenfeuchtigkeit muss alles passen. Generell sind diese Konditionen in den saisonal trockenen Gegenden der Tropen und Subtropen zu finden. Hier gibt es lange frostfreie Perioden, viel Sonne und genug Regen. Wenn die Baumwolle bewässert wird, kann sie allerdings auch in Gegenden wachsen, wo es weniger Niederschlag gibt.

Es dauert drei Jahre für Farmer, auf biologischen Anbau umzustellen. Welchen Herausforderungen müssen sie sich vor allem stellen?

Bart: Es stimmt, dass die Umstellung von konventionellem zu biologischem Anbau etwa drei Jahre in Anspruch nimmt, bevor die Baumwolle auch als „biologisch“ ausgewiesen und zertifiziert werden können. Während dieses Prozesses haben die Farmer oftmals mit einem Ernterückgang zu kämpfen, da der Boden seine Zeit braucht, bis er seine natürliche Aktivität restauriert hat. Außerdem kann die Baumwolle in dieser Übergangszeit noch nicht als „biologisch“ verkauft werden. In Kombination mit dem Ernterückgang führt das vorübergehend natürlich zu einem sinkenden Einkommen. Eine Möglichkeit die Landwirte zu unterstützen besteht darin, während dieser speziellen Phase des Übergangs technische Hilfe zu leisten, in punkto Boden- und Schädlingsmanagement. Eine weitere Option ist die Unterstützung der Landwirte durch den Kauf dieser Übergangsbaumwolle. Und incentivierende Strukturen zu schaffen, die das Risiko ausgleichen, eine reduzierte Rentabilität während des Übergangszeitraums zu haben.

 

Angeblich gibt es in vielen Ländern, etwa in Indien, kaum sortenreines, gentechnikfreies Saatgut. Auch während der Weiterverarbeitung kann es zu Kontamination kommen. Wie schlimm ist Kontaminierung von Baumwolle mit Gentechnik aus Eurer Sicht? Und was kann dagegen getan werden?

Bart: Zuerst einmal ist es wichtig zu betonen, dass „bio“ nicht automatisch bedeutet, dass das Produkt absolut frei von Kontamination durch genetisch veränderte Organismen (GMOs) ist. Es bedeutet lediglich, dass die Produzenten nicht wissentlich oder absichtlich solche Technologien benutzen und bestmöglich verhindern, dass ihre Systeme und Produkte durch GMOs kontaminiert werden. Konkret bedeutet das, dass die Farmer gentechnikfreies Saatgut benutzen um ihre Baumwolle anzubauen. Das klingt allerdings sehr viel einfacher als es ist. Dadurch, dass GM-Baumwolle den Markt derart dominiert (über 95% der gesamten Baumwollanbaufläche in Indien ist GMO-Baumwolle), ist es oft schwer sortenreines Saatgut überhaupt einzukaufen. Außerdem liegen Bio-Baumwollfarmen und solche, die ihre Baumwolle auf herkömmliche Weise anbauen, oft dicht beisammen. Dadurch kann es durch Kreuzbestäubungen ebenfalls zur Kontamination kommen.

Der Organic Cotton-Accelerator ist stets dabei Möglichkeiten zu entwickeln und zu investieren, um die GM-freien Saatgutproduzenten zu identifizieren und somit Kontamination zu verhindern. Außerdem wird auch daran gearbeitet mehr und mehr Saatgutproduzenten für den GM-freien Anbau zu gewinnen. Wir planen demnächst immer stärker mit den Produzenten zusammenzuarbeiten und durch Politik und Landmanagement gemeinsam Wege zu erarbeiten um die kontaminierende Kreuzbestäubung zu verhindern.

All das wird hoffentlich helfen, die GM-Kontamination der Bio Baumwolle Lieferketten zu minimieren. Allerdings wird es sehr schwer, eine 100%ige Garantie zu geben, dass die Baumwolle kontaminationsfrei ist. Solange die Produzenten beweisen können, alle möglichen Vorsichtsmaßnahmen getroffen zu haben, bin ich der Überzeugung, dass wir davon Abstand nehmen sollten sie weiterhin mit diesem Thema zu belasten. Denn meistens sind sie von Umständen betroffen, die sie nicht beeinflussen können – wie zum Beispiel Kreuzbestäubung. Viel mehr sollten wir uns darauf fokussieren eine Umwelt zu schaffen, die es den Farmern leichter macht, Bio- Baumwolle zu produzieren. Das ist genau das, was die OCA macht.

 

Zusammen sind wir stärker: Wer ist die OCA, was ist euer Ansatz und warum ist die Zusammenarbeit mit uns so wichtig?

Crispin: Die OCA ist die einzige globale Organisation, die sich zu 100% auf die Entwicklung und den Anbau von Bio-Baumwolle fokussiert. Wir repräsentieren über 70% der weltweiten Bezieher von Bio-Baumwolle. Somit haben wir die Möglichkeit den Markt zu beeinflussen und weiter zu entwickeln, damit er einflussreicher, fairer und zugleich rentabler wird. Das ist nur zu schaffen, wenn wir sektorweit zusammenarbeiten: führende Handelsmarken, Produzenten, Farmer, Forschung und Politik an einem Strang ziehen und gemeinsam investieren.

 

Wir schreiben das Jahr 2025: Wie wird der Anbau von Bio-Baumwolle nun aussehen?

Crispin: Der Markt mit Bio-Baumwolle ist dann (hoffentlich) ein stabiler Wirtschaftssektor, in dem die Bio-Baumwoll-Farmer in der Lage sein werden mit den konventionellen Farmern im Wettbewerb zu konkurrieren – und im dem sie ausreichend Zugang zu qualitativ hochwertigem biologischem Saatgut haben, sowie zu Trainings und Märkten.
Das Anbau-Volumen von biologischer Baumwolle ist gewachsen und mehr und mehr Marken wissen nun, woher ihre Bio-Baumwolle stammt. Sie haben stabile Lieferketten, eine gute Qualitätssicherung und Datenbanken, sowie Wissen darüber, wie sie das Leben von Farmern, Produzenten und die Umwelt beeinflussen.
OCA wird als eine innovative Plattform wahrgenommen, die immer stärker dazu beiträgt, dass mehr und mehr Bio-Baumwolle angebaut wird. Bio-Baumwolle an sich hat sich als das bevorzugte Material von globalen Handelsmarken etabliert.

 

Wie wichtig sind Zertifizierungen für diesen Prozess?

Crispin: Sie geben die Gewissheit, dass auf der Farm biologische Verfahren eingehalten werden. Es hilft Marken und anderen, dass Dritte diese Ansprüche prüfen und Produkte aus ökologischer Baumwolle angemessen kennzeichnen und vermarkten können. Wir sind jedoch der Ansicht, dass wir neben der Zertifizierung auch einen tatsächlichen Einblick in die Vorteile und Auswirkungen von Bio auf die Lebensbedingungen der Landwirte und die Umwelt bieten sollten. Etwas, das Zertifizierung heute nicht bietet, aber OCA tut …

 

Sollten Baumwollfarmer direkt von Unternehmen mit eigenen Partnerschaften unterstützt werden, ähnlich wie beim Kaffeeanbau?

Crispin: Um die Lieferketten und damit Verfügbarkeit von nachhaltigen Rohstoffen zu sichern – sei es nun Kaffee, Baumwolle, Kakao, Cashmere oder Leder – brauchen Handelsmarken und andere Retailer den direkten Kontakt zu den Farmen. Die OCA kann das für Konzerne und andere Verbraucher übernehmen, indem sie genauen Einblick in die einzelnen Lieferketten für Bio- Baumwolle gewährt und damit Qualität, Verfügbarkeit und den positiven Einfluss auf die Farmen sicherstellt.

 

Mehr Infos zum Potential der Bio Baumwolle gibt es hier:

Durch Klicken auf das Bild gelangen Sie auf die Website von OCA.

Diesen Artikel weiterempfehlen

Hier kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.