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Impulsvortrag Nanda Bergstein

Fairer Handel – gemeinsame Verantwortung in bewegten Zeiten

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste, liebe Podiumsteilnehmer,

seit 4 Jahren laden wir bei Tchibo jährlich zu einer Nachhaltigkeits-Veranstaltung ein. Wir wollen damit Impulse für die Debatte setzen. Doch um ehrlich zu sein: Es hat sich nicht genügend bewegt. Die Zeit für Diplomatie und Einzelmaßnahmen ist vorbei. Wir müssen mehr tun und wagen, und zwar gemeinsam. Denn die Zeit spielt gegen uns:

Spätestens in 2050 werden 2/3 der Weltbevölkerung keinen Zugang zu sauberem Wasser mehr haben. Das ist in 31 Jahren. Statistisch betrachtet werden die Bauern dieser Erde nur noch 60 Ernten einfahren; so stark sind die Erosion und die Vergiftung der Böden bereits vorangeschritten. In Entwicklungs- und Schwellenländern produzieren Menschen Produkte für den Konsum. Die Arbeit ist hart. Wir – in diesem Raum – würden sie nicht freiwillig tun. Und doch können sie ihre Familien nicht davon ernähren.

Der frühere UN Generalsekretär Ban Ki-moon sagte: Wir sind die erste Generation, die die Armut beseitigen kann und die letzte Generation, die die negativen Auswirkungen des Klimawandels verhindern kann“.

Und so ist es kein Wunder, dass Schüler auf die Straßen gehen, um für ihre Zukunft zu demonstrieren. Bereits in den 80er Jahren – als ich aufgewachsen bin – waren Klimawandel, Armut und Umweltverschmutzung kritische Themen. Wir wissen seit langem um die verheerenden Wirkungen unseres Lebensstils. Aber wo bleiben die durchschlagenden Antworten? Wo bleiben die nachhaltigen Veränderungen? Technische Lösungen allein haben uns bislang nur bedingt weitergebracht.

 

 

Es geht um Verhaltensänderungen

Und hier sind alle gefragt: Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft, jeder Einzelne von uns – und zwar völlig unabhängig von dem Verursacherprinzip. Lassen Sie uns aufhören zu diskutieren, wer wofür verantwortlich ist oder war. Lassen Sie uns darauf fokussieren, wie wir am schnellsten etwas verändern! Darum geht es doch!

Unser Weg bei Tchibo in Richtung Nachhaltigkeit begann 2005, nachdem uns die Kampagne für Saubere Kleidung einen Spiegel vorgehalten hatte – in Bezug auf kritische Arbeitsbedingungen in Fabriken in Bangladesch. Seitdem haben wir sehr viel in unsere Lieferketten und Produkte investiert. Unser Ziel: eine nachhaltige Geschäftstätigkeit.

Es hat uns über die Jahre ermutigt festzustellen, dass wir – selbst als mittelgroßes Unternehmen – etwas in den Lieferketten bewirken können. Aber um unsere Leistung geht es heute nicht.

Denn mittlerweile ist uns Folgendes klar geworden: Die Probleme sind so global, so komplex, und so dringlich, dass Alle mindestens genauso viel, wenn nicht mehr investieren und auf einem neuen Niveau konzertiert zusammenarbeiten müssen, um das Ziel zu erreichen, worum es eigentlich geht, nämlich: Jetzt dafür Sorge zu tragen, dass wir der nächsten Generation eine lebenswerte Welt hinterlassen.

Berücksichtigt man die Kennzahlen, so ist es in 10 oder 20 Jahren zu spät. Noch nie in der Menschheitsgeschichte waren Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft so darauf angewiesen, ihre Kräfte zu bündeln und konzertiert zu handeln!

Das Gute ist, es liegen Ansätze auf dem Tisch, die einen Paradigmenwechsel herbeiführen könnten. Und um die soll es heute gehen. Ich fokussiere mich jetzt auf Menschenrechte, doch was ich beschreibe, ist genauso gut auf den Umweltschutz anwendbar.

Das Wichtigste vorweg: Es braucht Regulierung, und zwar unbedingt auch europäische!

Mit freiwilligen Initiativen kommen wir nicht schnell genug weiter. Das müssen wir endlich akzeptieren! Noch nie war die Debatte in Deutschland so konkret mit Blick auf die Regulierung von unternehmerischen Sorgfaltspflichten – wir danken Herrn Bundesminister Dr. Müller für seinen Vorstoß. Selbst wenn die Gemüter diesbezüglich erhitzt sind, ist es gut, konkrete Inhalte auf dem Tisch zu haben. Es ist essentiell, jetzt schon eine Debatte darüber zu führen, damit in 2020 ein Gesetz dabei herauskommt, das echte Veränderungen in den Lieferketten incentiviert.

Was muss das Ziel eines solchen Gesetzes sein? Wir sind der Meinung, das „Was“ ist klar: Es geht um die Umsetzung der Leitlinien und Konventionen der Vereinten Nationen zum Thema Umwelt und Menschenrechte.

Doch welche Maßnahmen sind die Richtigen, um eine Umsetzung zu bewirken? Das „Wie“ dahinter ist die eigentliche Frage. Zumindest in der Textilbranche haben wir bislang noch nicht offen genug und in der Breite darüber diskutiert, auch nicht im Textilbündnis. Diese Auseinandersetzung ist aber wichtig, bevor die Inhalte eines Gesetzes ausgestaltet werden.

 

 

13 Jahre Erfahrung – unsere Learnings

Ich möchte diesen Rahmen gern nutzen, um unsere Erkenntnisse aus 13 Jahren Umsetzung zu teilen: Seit 2007 führen wir tiefgehende Entwicklungsprogramme in den Fabriken durch, in denen wir einkaufen. Dabei finden wir regelmäßig die gleiche Realität vor: Fabriken sind selten „in compliance“, das heißt richtlinienkonform.

Und doch steht dies häufig auf den Auditberichten und Zertifikaten, die wir zu sehen bekommen. Ich möchte hier sehr klar sein: diese Instrumente bewegen etwas, wenn diejenigen, die sie anwenden, ein ehrliches Interesse daran haben. Sie sind also besser als gar nichts. Aber die Missachtung von Menschenrechten hat komplexe Ursachen. Natürlich können Auditierung und Zertifizierung höhere Löhne, Gewerkschaftsfreiheit oder die Verhinderung von sexueller Belästigung nicht im Einzelnen oder in der Breite durchsetzen.

Das Problem ist der Stempel „in compliance“ oder „gut“. Dieser Stempel suggeriert Perfektion. Es ist leicht, sich darauf auszuruhen, anstatt nach Alternativen zu suchen. Dabei gibt es sie bereits. Sie sind nur komplexer und teurer.

Wenn also die Kontrollinstrumente Auditierung und Zertifizierung nicht ausreichen, was braucht es dann? Unsere Erfahrung zeigt, dass die Ansätze etwas bewirken, die

  • ganzheitlich sind. Das heißt, wo alle Beteiligten zusammen an den Ursachen arbeiten.
  • Dialog und Handeln auf Augenhöhe zulassen zwischen allen Teilnehmern der Lieferkette: das heißt Unternehmen, Staaten und Zivilgesellschaft. Jeder hat eine relevante Perspektive, und diese muss für nachhaltige Veränderungen berücksichtigt werden.
  • Empowerment bewirken bei Beschäftigten, Fabriken und Farmern. Sie müssen sich stark genug fühlen ihre Stimme erheben zu dürfen, und wir müssen zuhören.
  • die Umsetzungskosten fair verteilen und diese nicht nur auf die Fabriken und Farmer aufdrücken. 

 

 

Politik muss einen Rahmen schaffen

Wir sind der Meinung, dass Politik einen Rahmen schaffen muss, der genau solche Ansätze fördert und der dafür sorgt, dass die Kräfte der Wirtschaft in glaubwürdige und – wo nötig – gemeinschaftliche und umsetzungsorientierte Maßnahmen gebündelt werden. Das reduziert die Risiken und Kosten für jeden einzelnen Spieler und schafft fokussierte Bewegung auf den Themen, die lange Zeit als unlösbar galten.

Ich stelle jetzt eine ketzerische Frage: Stellen Sie vor, wir würden all die Audit- und Zertifizierungsbudgets in solche Maßnahmen gießen. Was könnten wir damit bewegen?

Lassen Sie uns über ACT on Living Wage reden. Denn hier brauchen wir konkret regulatorische Unterstützung von Politik und Gesetzgebung! ACT ist die einzige Initiative weltweit, die echtes Potential hat, existenzsichernde Löhne langfristig und nachhaltig durchzusetzen.

Wie soll das passieren? Wir wollen Tarifverhandlungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern in allen relevanten Produktionsländern durchsetzen, die – aufsetzend auf dem gesetzlichen Mindestlohn – einen existenzsichernden Lohn ansteuern. Flankiert wird das Ganze durch Business Commitments der Mitgliedsunternehmen, um die Zahlung der höheren Löhne auch sicherzustellen und fair zu verteilen. Inhaltlich ist das sinnvoll und fair. Und doch drohen wir daran zu scheitern, dass wir nicht genügend Partner haben.

Unser erster Case ist Kambodscha: Mit viel Arbeit konnten wir als ACT die Regierung und den Arbeitgeberverband in Kambodscha überzeugen, Tarifverhandlungen für höhere Löhne zuzulassen. Als ACT Unternehmen decken wir 50 % des kambodschanischen Textilmarktes ab. Doch das reicht nicht. Denn Kambodscha ist um die anderen 50 % besorgt, die sich nicht – wie wir – dazu verpflichtet haben, höhere Löhne aus einer Tarifvereinbarungen zu kompensieren und im Markt zu bleiben. Im schlimmsten Fall könnten die nicht gebundenen Marktteilnehmer abwandern und die Wettbewerbsfähigkeit von Kambodscha nachhaltig schwächen. Die Sorge des Landes ist also verständlich.

Als Textilbranche befinden wir uns jetzt an der Sollbruchstelle unseres gemeinsamen Commitments für Nachhaltigkeit. Jetzt ist die Gelegenheit zu beweisen, dass wir es ernst meinen mit der Nachhaltigkeit. Gemäß einer Studie der Kampagne für Saubere Kleidung sind 70 % der Textilarbeiter in Kambodscha mangelernährt. Wir müssen etwas tun!

 

Was braucht es für einen erfolgreichen Abschluss von ACT?

Liebe Unternehmenskollegen,

die noch nicht bei ACT dabei sind: Ich möchte Sie einladen mitzumachen. Ich verstehe die Vorbehalte und Fragezeichen. Offen gesagt: Auch für uns ist ACT ein Schritt ins Unbekannte. Trotzdem ist er richtig. Und je mehr dabei sind, desto geringer wird das wirtschaftliche Risiko für alle, weil wir dann zu gleichen Konditionen konkurrieren und nicht mehr zu Lasten von Löhnen bzw. den Menschen!

Liebe Politik:

Wir brauchen klare öffentliche Statements und Unterstützung gegenüber Kambodscha und gegenüber den Staaten, deren einkaufende Unternehmen nicht bereit sind, an ACT teilzunehmen.

Bezogen auf Deutschland plädieren wir für eine Verpflichtung aller textilen Marktteilnehmer, sich am Kambodscha ACT Prozess zu beteiligen. Dies sollte mindestens für die Mitglieder des Textilbündnisses gelten.

Und für die Zukunft: Regulierung sollte auf Ansätze abzielen, die systemische Änderungen bewirken; Initiativen wie ACT oder der Bangladesch Accord. Natürlich sind diese Initiativen komplex und einen Stempel mit „fertig“ oder „perfekt“ wird es nicht geben. Aber die Wirkung ist höher.
 

Ich arbeite bereits seit 13 Jahren an einigen der wegweisendsten Initiativen in der Textilbranche mit. Ich kann Ihnen versichern, dass die Branche auf dem Lohnthema keine bessere systemische Lösung in petto hat.

Die Ernsthaftigkeit unserer gemeinschaftlichen Bemühungen wird sich daran zeigen, ob wir ACT in die Umsetzung bringen oder nicht. Lassen Sie uns hier eine neue Messlatte setzen, an der wir uns alle messen lassen! Denn wenn wir ACT nicht schaffen, dann leiten wir wirklich das Ende der Nachhaltigkeit ein!

Liebe Gäste, ich wünsche uns allen eine spannende Debatte heute Abend.

Ich danke Ihnen von Herzen, dass Sie heute Zeit und Lust haben, sich mit uns gemeinsam zu diesen Fragestellungen auseinanderzusetzen!

Quellen: UN Weltwasserbericht 2018; „The State of Food and Agriculture“-Bericht der Weltagrarorganisation FAO der Vereinten Nationen aus 2014; United Nations Sustainability Development Goals, 2015

 

 

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