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Guatemala: Familie Hervantez und das Kitaprojekt

Im Februar hatte ich das Glück die Familie Hervantez kennenlernen zu dürfen. Wo? Auf der Kaffee-Farm La Bolsa in der Region Huehuetenango in Guatemala. José und Micaela Hervantez sind Wanderarbeiter und ziehen zur Erntezeit von Farm zu Farm, mit ihren Kindern Aderve (16), Franklin (8), Marylin (5) und Baby Andi. Bislang nahmen die Hervantez ihre Kinder stets mit auf die steilen Hänge der Kaffee-Plantagen. Die Schule ist traditionell zur Erntezeit geschlossen, und Kinder alleine zu Hause zu lassen ist in einem der gefährlichsten Länder Zentralamerikas gewiss nicht ratsam. Also kommt der Nachwuchs mit zur Arbeit.

Auch das ist nicht unproblematisch: Die steilen Hänge, an denen die Hochland-Arabica-Bohnen wachsen, sind alles andere als TÜV-geprüfte Spielplätze. Die Kinder können stürzen oder von herab fallenden Steinen getroffen werden. Ebenso kritisch gesehen ist die uralte Tradition der Maya-Nachfahren, die Kinder mithelfen zu lassen (zum Beispiel beim Auslesen der grünen Bohnen). Schnell ist die Grenze zu unzulässiger Kinderarbeit überschritten.

Gemeinsam mit der weltgrößten Kinderrechtsorganisation Save the Children haben wir deshalb ein Projekt aufgesetzt, das eine pädagogische und altersgerechte Betreuung für die Kinder der Kaffeepflücker gewährleistet.

Es braucht ein bisschen Überzeugungsarbeit, kennen die Wanderarbeiter das Prinzip Kindergarten meist noch nicht. Doch Micaela Hervantez ist nun überzeugt: Franklin und Marylin sind in der Kita der Farm La Bolsa gut aufgehoben. Sie malen, spielen, lernen lesen – und bekommen regelmäßig zwei warme, proteinreiche Mahlzeiten. Allein das Essen ist ein sehr gutes Argument für die Eltern, ihre Kinder in die Obhut anderer zu geben. Denn auf dem Feld bekommen sie nur kalte Tortilla.

Schon morgens um 8.00 Uhr geben die Hervantez nun die Kinder ab, ziehen dann mit Baby Andi, dem 16jähirgen Aderve und dem Weidenkorb weiter auf den Hang. Sie sind schnell, schaffen drei Kaffeekirschen pro Sekunde. Baby Andi, fest auf Micaelas Rücken geschnallt, maunzt derweil, wird aber von den Eltern liebevoll beruhigt. Keine Frage, Micaela und José haben erkannt, je weniger Kinder mit auf dem Feld sind, desto mehr können sie pflücken, und damit auch verdienen.

Unten im Tal stehen Franklin und Marylin derweil nach dem Mittagessen in einer langen Kinder-Schlange an, um Zähne zu putzen. Denn auch einfache Hygiene-Regeln – kein Standard in den Wanderarbeiter-Unterkünften – werden ihnen beigebracht. Auf der anderen Seite des La Bolsa Patios (auf dem die Kaffeekirschen trocknen) findet in einem Extra-Raum der Schulunterricht für die älteren Kinder statt. Die 24 Kinder, die Lehrer Timo Constanza unterrichtet, sind zwischen 7 und 12 Jahre alt. Umfunkionierte Cola-Dosen dekorieren den Schulraum.

Wir besuchen auch die Kaffee-Farm Los Aroyos einige Kilometer weiter. Im Pickup fährt uns Farmbesitzer Sergio auf die höchsten Hänge. Unfassbare 69% Prozent beträgt die Steigung des Schotterwegs. Glücklich angekommen treffen wir inmitten der Sträucher Rafael Morales, seine Frau Francisca und die fünf Kinder. Der zehnjährige Marvin betreut die vier Kleinen, während die Eltern pflücken. Die Kinder sitzen auf einem Sack in der Nähe der Eltern, spielen Karten, tollen auch manchmal zwischen den Sträuchern. Die Situation sei nicht einfach, erzählt Kaffeepflücker Rafael, sie bräuchten eigentlich vier Augen, zwei bei den Kirschen, zwei bei den Kindern. Noch versteht der 28jährige Erntehelfer das Prinzip Kita nicht so ganz, denkt aber, dass er die Kita in Anspruch nehmen wird, so bald die Farm eine eröffnet.

Julie Skaggs, Anthropologin aus Guatemala City, hat für uns eine Studie zum Thema Wanderarbeiter und Kinderbetreuung erarbeitet. Die Erntehelfer in Guatemala stammen mehrheitlich vom Volk der Moms (Maya Nachfahren). Sie gelten als sehr schweigsam und ihrer Tradition (viele Kinder, sehr religiös und spirituell) verhaftet. Allerdings werde auch für sie Bildung zunehmend wichtiger, so Skaggs, vor zehn Jahren hätte das noch anders ausgesehen. Ihr Fazit: Die Wanderarbeiter könnten sich nachhaltig für die Kita-Betreuung ihrer Kinder interessieren, so die Tradition geachtet wird und die Kommunikation über Personen läuft, die die westliche wie die Mom-Kultur gut kennen.

Mit unseren Partnern von Save the Children, die seit 30 Jahren in Guatemala aktiv sind, fühlen wir uns gut gerüstet. Vor allem in den Regionen Huehuetenango, Sololá, Quiché, Chiquimula und Izabal haben die Mitarbeiter der Kinderhilfsorganisation jahrelange Erfahrung sammeln können. Wie überall auf der Welt setzt sich Save the Children auch dort für die Rechte der Kinder auf Gesundheit und Überleben, Bildung sowie Schutz vor Gewalt und Ausbeutung ein.

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