Alle Artikel

Intercultural Training – von Pfirsichen und Kokosnüssen

Warschau im Mai, es ist frisch. Hotel Sobieski, ein Seminarraum, unsere Trainerin Erin Meyer lächelt warm. Erin lächelt, denn Erin ist Amerikanerin aus Minnesota und Amerikaner lächeln „ja immer“. Erin ist das in früher Kindheit eingeimpfte Lächeln nicht vergangen, obgleich sie seit vielen Jahren in Paris lebt. Und Franzosen/Pariser lächeln doch eher selten. Oder?

WIE sind sie denn eigentlich, die Franzosen, Amerikaner, Polen, Russen, Rumänen, Türken und Deutsche? Worin liegen die spezifischen Unterschiede, wo die Gemeinsamkeiten? Was ist zu beachten in international gemischten Teams?

Rund 25 Tchibo Kollegen haben sich zum Seminar „Intercultural Training“ zusammengefunden, die meisten kommen aus Polen, einige aus Rumänien und Russland. Aus Hamburg sind wir zu siebt angereist.

Ich erhoffe mir Aufklärung von Erin Meyer. Warum beginnt mein türkischer Kollege O. – trotz mehrfacher Aufforderung – immer noch nicht mit dem Online Projekt? Warum ist die polnische Kollegin A.  in ihren Emails immer so – sagen wir – harsch?

Oder anders gesagt: Ich möchte eine „übergreifende Management Perspektive entwickeln und bewusster handeln – im Sinne des Unternehmenserfolgs“. Erin Meyer, Professorin an der renommierten Business School Insead  (https://www.insead.edu/home/) ist Expertin auf dem Gebiet “global perspective and cultural diversity). Heute geht es um:

  • Insights in kulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten
  • Verständnis, dass Kultur immer relativ ist
  • Die Erstellung von Kulturprofilen für die Länder mit denen man zu tun hat
  • Die Entwicklung von Strategien, um die Teamarbeit im internationalen Team zu verbessern

 

Spaßvogel oder bierernst?

Das alles relativ ist, zeigt schon folgendes Beispiel. Während ein Koreaner einen US-Bürger mit den Begriffen „teamworker, independent & fun-loving“ beschreibt, sieht das beim Mexikaner ganz anders aus. Der Mexikaner beurteilt den US-Amerikaner als „unemotional & serious“.

Man könne die unterschiedlichen Kulturen mit ein paar Überbegriffen beschreiben, so Erin Meyer: Power Distance, Comfort with Silence, Work-Style: Task- oder Relation-Oriented.

  • „Comfort with Silence“: Japaner, Finnen und Russen haben kein Problem mit Stille, Türken und Franzosen schon.  Das heißt: Bei gemischten Gruppen kommen manche Teilnehmer nicht zum Sprechen. Dies gilt es zu berücksichtigen.

 

  • Work-Style, “task oriented” oder “relationship oriented”. Wir Deutschen konzentrieren uns auf unsere Arbeit, sind als „task oriented“. Ganz anders Brasilianer, Chinesen und Türken etwa. Für sie zählt zunächt der persönliche Kontakt, und den gilt es aufzubauen. Vorher läuft wenig. Darum wohl schleppt sich  die Arbeit mit Osman aus Istanbul… Interessant auch: In der Türkei gilt es als höflich, zweimal angebotenes Essen abzulehnen, bevor man zugreifen darf. Ein drittes Mal bietet aber kein Deutscher mehr etwas an!

Fazit: Bei gemischten Teams lieber auf „relationship oriented“ gehen. Gerade Deutsche sollten, wenn sie global arbeiten wollen, mehr Zeit in Beziehungen stecken.

Beziehungs-Aufbau

Es gibt die Pfirsiche, die Kokosnüsse, und die fusseligen Kokosnüsse. Das muss man wissen, um mit den Kollegen aus den verschiedenen Ländern Beziehungen aufzubauen.  Die Amerikaner sind Pfirsiche. Grob übersetzt: Außen weich und innen hart. Ganz anders die Kokosnuss: Hier muss man sich durch die harte Schale erst zum weichen Kern vorarbeiten, um eine Beziehung aufzubauen. Russen gelten als Kokosnüsse. Deutsche gehören zu den „fuzzy“, den fusselingen Kokosnüssen, das heißt ihre Schale ist nicht ganz so hart.

Monochron und Polychron

Monochrone Kulturen erledigen eins nach dem anderen. Sie lieben keine Unterbrechungen. Diese Menschen bleiben beim Plan, halten an ihrer Deadline fest. Natürlich sind wir Deutschen monochron, aber auch die USA, Tschechien, Großbritannien und Japan. Um nur einige zu nennen.

Polychrone Kulturen machen viele Dinge auf einmal, Unterbrechungen sind für sie in Ordnung, sie ändern ihre Pläne gerne und schätzen Flexibilität. Polychrone Kulturen sind Brasilien, Indien, Türkei, Rumänien und Ungarn. Arbeiten mono- und polychrone Kollegen zusammen heißt das zunächst Chaos. Optimalerweise blickt der Verantwortliche durch und passt die Arbeitsstile so gut wie möglich an.

Zwischen den Zeilen sprechen

Schwarz ist schwarz. Was wir Deutschen sagen, meinen wir in der Regel genauso. Vergeblich werden die Kollegen aus Rumänien oder Frankreich zwischen den Zeilen nach versteckten Deutungen suchen. Auch das kann zu Missverständnissen führen. Denn gerade in Ex-kommunistischen Ländern pflegt man nach wie vor eine andere Kommunikation mit viel Subtext.

Umgang mit Kritik

Natürlich wird auch Kritik in verschiedenen Ländern unterschiedlich angewandt. Direkte Kritik schätzen eher Russsen, Polen und Deutsche. In Japan, China und Thailand, aber auch in Rumänien und der Türkei sollte man dagegen Kritik eher indirekt verpacken. Alles andere gilt als aggressiv. Wohingegen Deutsche zu indirekte Kritik wiederum als „falsch“ auslegen.

Nun, ist also alles nicht so einfach. Doch wer weiß, auf welcher Skala die Länderkollegen liegen, in Sachen Umgang mit Kritik, Arbeitsstil, etc. der kann sein Verhalten dementsprechend anpassen. Ich werde mir nun als erstes ein paar Karten malen, und dann zu Besuch in die Türkei reisen…

Am Ende des Tages lächelt Trainerin Erin Meyer wieder ihr bezaubernd amerikanisches Lächeln. Und sie klatscht nach unserem Applaus ebenfalls. Aber nicht für sich (wie man meinen könnte), sondern für uns. Auch das ist in den USA üblich. In Europa nicht.

  • Hat von Ihnen jemand Erfahrung mit gemischten Teams? Dann freue ich mich über Kommentare!

Diesen Artikel weiterempfehlen

1 Kommentare zu „Intercultural Training – von Pfirsichen und Kokosnüssen

Hier kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.