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Kind und Karriere: Was die Skandinavier uns voraus haben

Valérie arbeitet Vollzeit, ist damit aber die Ausnahme unter Schweizer Müttern, Mónika aus Ungarn dagegen ist mit ihrer Vollzeitstelle in bester Gesellschaft. So die Arbeits-Geschichten unserer kleinen Serie „working moms“ (siehe rechte Spalte!). In Deutschland arbeiten gerade mal 16 Prozent der Mütter Vollzeit. Warum das so ist? Fragen wir jemanden, der die Fakten kennt: Kathrin Mahler Walther ist Mitglied des Vorstandes und der Geschäftsführung der EAF Berlin. Sie kennt die „Fallen“ der Teilzeitarbeit, plädiert für den Wandel der Unternehmenskultur – und weiß, was die europäischen Musterländer anders machen bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

 

Frau Mahler Walther, Sie engagieren sich seit Jahren in der EAF dafür, dass Frauen und Männer ihre Potenziale entfalten und Karriere mit Kindern vereinbaren können. Sehen Sie schon Fortschritte bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf?

Mahler Walther: In Deutschland muss man Ost und West trennen, denn die Gegebenheiten sind sehr unterschiedlich. Im Osten, noch zu DDR-Zeiten, haben Frauen schon immer Beruf und Kinder vereinbart – und auf diese Selbstverständlichkeit trifft man auch heute. Im Westen herrscht dagegen ein sehr traditionelles Familienbild: Bis in die 70er Jahre hat ja noch der Mann entschieden, ob seine Frau überhaupt arbeiten darf! Bewegung in die Sache kommen muss deshalb vor allem in Westdeutschland. Und da ist auch viel passiert: Wir haben einen Paradigmenwechsel, seit es Ursula von der Leyen gelungen ist, das Thema in die Mitte der Gesellschaft zu bringen, weg aus der „Gedönsecke”. Doch bis sich das in den Köpfen niederschlägt, ist es noch ein Weg.

Wo sehen Sie die größten Hürden? Eher bei den Gegebenheiten in den Unternehmen, bei der nicht ausreichenden Kinderbetreuung oder in den Köpfen der Gesellschaft?

Mahler Walther: Handlungsbedarf gibt es auf allen Ebenen. Die größte Hürde sehe ich darin, dass Deutschland vor allem wenig Tradition in der Akzeptanz von Vielfalt hat – das sehen wir auch an vielen anderen Themen. Hierzulande stellt man sich durch das Lebensmodell der anderen sofort in Frage – und fängt dann an, sich zu rechtfertigen. Dabei müsste man sich hier gar nicht die Köpfe einrennen: Wir wissen aus den Studien, dass es für Kinder weder besser noch schlechter ist, ob sie bei der Mutter, einer engen Bezugsperson oder in einer guten Kita sind.

Wo ist die Politik gefragt?

Mahler Walther: Auf politischer Ebene besteht dringender Handlungsbedarf: Deutschland gibt im europäischen Vergleich extrem viel Geld für Familien aus, steht aber bei Geburtenrate, beim Thema Frauen in Führungspositionen und Frauen im Beruf generell ganz schlecht da. Mit Ehegatten- statt Familien-Splitting, der Familienkrankenkasse und vor allem mit dem Betreuungsgeld werden traditionelle Strukturen weiter gefördert. Die Anreize, schnell in den Beruf zurückzukehren, sind klein. Wir sind noch nicht so weit, dass wir denken, wir investieren in unsere Zukunft, um langfristig am Ball zu bleiben. Das ist in anderen Ländern anders. Das sich etwas bewegen lässt, sieht man an der neuen Elternzeitregelung. Die hat dazu geführt, dass Frauen früher zurückkommen. Heute eher nach 12 Monaten als vorher nach drei Jahren. Die Rückkehr wird durch Ausbau der Kinderbetreuung für unter Dreijährige auch eher möglich.

Was können und sollten Unternehmen tun, um es Müttern und auch Vätern leichter zu machen?

Mahler Walther: Unternehmen müssen die Rahmenbedingungen schaffen, damit Frauen, aber auch Männer, Familie und Beruf vereinbaren können. Ob in Dänemark, Schweden, Norwegen oder den Niederlande: Dort ist es selbstverständlich, dass man um 17 Uhr nicht mehr im Büro ist – auch wenn man die Augen nicht davor verschließen darf, dass auch dort dann abends der Rechner noch mal hochgefahren wird. In Deutschland ist es eine selbstverständliche Kultur, dass man lange sitzt, entsprechend werden alle anderen, die früher gehen, kritisch beäugt. Wir brauchen deshalb eine Unternehmenskultur, die sich wandelt von einer Anwesenheits- zu einer Ergebniskultur. Arbeitsergebnisse lassen sich heute auch mobil erreichen. Das ist der Weg der Zukunft. Dafür müssen sich Unternehmen in ihren Anforderungen und Einstellungen wandeln – dazu gehören auch weniger und flachere Hierarchien, dafür eigenverantwortliches Arbeiten. Die unbegrenzte Verfügbarkeit der Mitarbeiter gegenüber dem Unternehmen muss aufhören. Erfreulicherweise haben wir in Deutschland erste Unternehmen, die sich selbst Grenzen setzen.

Was muss sich in den Köpfen der Beteiligten ändern?

Mahler Walther: Aus unserer Studie über sogenannte Doppelkarrierepaare mit Kindern wissen wir, dass sich natürlich auch in den Köpfen bzw. Einstellungen von Männern und Frauen etwas ändern muss. Wenn Frauen und Männer heute mit Kindern Karriere machen wollen, dann betrifft das auch ihre Machtpositionen: Männer gewinnen mehr Verantwortung auf der familiären Seite, Frauen in ihrer beruflichen Rolle. Gerade Frauen müssen das auch wollen und den Mann machen lassen – und eben auch angestammte Machtbereiche aufgeben. Erstaunlicherweise ist das Bild des Mannes als Ernährer aber auch in den jungen Generationen noch sehr verhaftet. Die heutigen Jugendlichen wachsen zwar total gleichberechtigt auf, aber kaum kommen Kinder ins Spiel, kehrt es sich schnell wieder in das traditionelle Familienbild.

Gelingt der Spagat zwischen Kind und Karriere in anderen europäischen Ländern besser? Machen Frauen eher in Schweden, Frankreich oder in den osteuropäischen Ländern Karriere – und warum?

Mahler Walther: Deutschland ist weit entfernt von anderen europäischen Ländern. Während hierzulande gerade mal 16 Prozent der Frauen mit Kindern unter 6 Jahren in Vollzeit arbeiten, sind es in Schweden 51 Prozent, in Finnland 81 Prozent. Auch in den osteuropäischen Ländern ist Vollzeit Standard: 80 bis 90 Prozent der Frauen arbeiten so. Wobei man in Schweden – wie überhaupt in Skandinavien – auch in Teilzeit Karriere machen kann. Das liegt an der schon erwähnten Ergebnis- statt Anwesenheitskultur, aber auch an einem egalitären Familienmodell. So gehen zum Beispiel in Norwegen 80 Prozent der Männer in Elternzeit, in Deutschland sind es gerade mal 25 Prozent. Und die wählen dann zwei Vätermonate, möglich wäre aber auch eine partnerschaftliche Teilung: sieben Monate für die Frau, sieben für den Mann.

Gibt es für Sie ein europäisches Musterland für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf? Was läuft da anders?

Mahler Walther: Die Vorzeigeländer liegen in Skandinavien. Dort gibt es eine hohe Frauenerwerbstätigkeitsquote, viele Frauen in Führungspositionen und viele Väter in Elternzeit. In diesen Ländern sieht man auch deutlich den Zusammenhang zwischen politischen und  unternehmerischen Einstellungen und der Geburtenrate: In Skandinavien wird ganz stark in die öffentliche Kinderbetreuung investiert und die Unternehmen arbeiten ergebnis- statt anwesenheitsorientiert.

Anders ist es zum Beispiel in Frankreich. Dort ist es zwar unproblematisch, viele Kinder zu haben, aber die Vereinbarkeit von Kindern und Beruf ist auch dort ein klassisches Frauenthema – kein partnerschaftliches Familienthema wie in den skandinavischen Ländern. Ich bin davon überzeugt, dass es nur mit Männern und Frauen gemeinsam geht – das ist auch das, was sich Frauen und Männer heute wünschen.

In Westdeutschland hat nur rund jede vierte Mutter, deren jüngstes Kind 15 Jahre oder älter ist, einen Vollzeitjob. Warum sind wir so teilzeit-geprägt?

Mahler Walther: Das ist tatsächlich ein westdeutsches Phänomen, geschuldet dem Modell, das seit den 70er Jahren von staatlichen Maßnahmen stark gefördert wird. Frauen machen eine Ausbildung, dann kommen die Kinder, danach wird in Teilzeit wieder eingestiegen. Nur das Zeitfenster bis zum Wiedereinstieg hat sich verkürzt, von früher zwölf auf heute zwischen ein und drei Jahren. Mittlerweile ist es selbstverständlich geworden, dass Kinder mit spätestens drei in die Kita kommen. In Westdeutschland macht sich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ganz stark am Teilzeitmodell für Frauen fest. Das wäre an sich auch nicht so schlimm, wenn es hier auch Karriere in Teilzeit gäbe wie in den skandinavischen Ländern – oder eben auch mehr Teilzeit für Männer. Oder wenn beide Elternteile in Teilzeit arbeiten würden. Aber so arbeiten wir hier in Unternehmen mit Karrieremodellen für Männer und Karrieremodellen für Frauen – diese Aufspaltung gibt es übrigens in anderen Ländern auch nicht.

Gibt es Parameter, damit Karriere auch in Teilzeit gelingt?

Mahler Walter: Ob Karriere in Teilzeit gelingt, liegt ganz stark daran, ob ein Unternehmen daran Interesse hat. Idealerweise muss dann aber eine Teilzeit-Karriere auch für Männer möglich sein. Das erfordert heute noch etwas Mut von den Unternehmen, aber wir sehen Frauen und Männer in unseren Studien, die solche Modelle bereits leben und damit Vorreiter sind. Ich würde mir wünschen, dass Unternehmen einfach mal mit Modellprojekten starten, anfangen, die Rahmenbedingungen zu schaffen und umzudenken – wir beraten gerne dabei.

Und wie steht es um die Karrierechancen beim beliebten Modell Homeoffice? Ist das eher ein Eigentor oder ein Heimsieg?

Mahler Walther: Es gibt eine Kultur von Heimarbeit, die so genannte Telearbeit, die ist klar ein Eigentor, davon raten wir ab. Die moderne Variante ist für mich mobiles Arbeiten – dank moderner Technik können wir Arbeitsergebnisse auch an anderen Orten als am Schreibtisch erbringen. Aber um sich beruflich weiterzuentwickeln ist es wichtig, dass man nicht nur Aufgaben abarbeitet, sondern im kreativen Austausch und sichtbar bleibt – und das geht nur vor Ort. Ich muss nicht nur gute Arbeit machen, sondern sie auch zeigen und auf mich aufmerksam machen, sonst falle ich hinten über bei der Verteilung von neuen Aufgaben und Funktionen. Deshalb ist heute eher die Regel: Schreibtisch im Unternehmen plus Homeoffice, wobei die Zeit im Büro eher länger sein sollte als die zuhause.

Was raten Sie Frauen, die den Wiedereinstieg planen?

Mahler Walter: In jedem Fall, sich sehr rechtzeitig zu melden, um die eigenen Vorstellungen mit den Machbarkeiten im Unternehmen abzugleichen. Ideal ist es, vorher das eigene Netzwerk zu aktivieren, um auf dem neuesten Stand zu sein. Punkten kann auch diejenige, die eigeninitiativ Vorschläge macht. Förderer im Unternehmen sind ein ganz wichtiger Faktor: Wenn die wissen, ich bin wieder da, werden sie den Wiedereinstieg auch unterstützen.

 

Zur Person: Kathrin Mahler Walther (42) ist in Leipzig aufgewachsen. Das Thema Geschlechtergerechtigkeit begleitet die Sozialwissenschaftlerin bereits seit ihrem frühen politischen Engagement in der ostdeutschen Bürgerbewegung. Seit 1999 ist sie bei der EAF Berlin und berät Organisationen in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zur Entwicklung einer Unternehmenskultur, in der Frauen und Männer in ihrer Vielfalt ihre Potenziale in gleichem Maße einbringen können. Für die EAF führte sie u.a. zwei Studien durch, 2006 „Karrierek(n)ick Kinder. Mütter in Führungspositionen – ein Gewinn für Unternehmen“ und 2008 die Untersuchung „Kinder und Karrieren: Die neuen Paare“ über Doppelkarrierepaare mit Kindern in Deutschland. Gemeinsam mit ihrer Vorstandskollegin Dr. Helga Lukoschat führt sie die EAF mit knapp 20 Beschäftigten und einer Vielzahl unterschiedlicher Arbeitsmodelle.

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2 Kommentare zu „Kind und Karriere: Was die Skandinavier uns voraus haben

  1. Annika

    Ein wirklich sehr interessanter Bericht, der aufzeigt, woran wir in Deutschland noch arbeiten müssen.
    Schade, dass im Intranet nur so klein darauf hingewiesen wird und nicht so groß wie auf die Serie „Working Mum“.

  2. Maik

    Naja… die Deutschen sind halt doch rückständiger als gedacht. Die Kinderpolitik ist insgesamt ein Graus. Kein Wunder, dass in meinem Freundeskreis außer mit keiner Kinder haben möchte. Man wird nicht unterstützt, sondern unterdrückt. Ein Einstieg ist schwer und man kommt selten dorthin, wo man war. Selbst die tollsten Unternehmen, wenn man nach Siegel geht, kommunizieren Freundlichkeit, legen einem aber ganz klar den Rückzug nahe. Der Staat hilft da wenig. Weiter ausgelegt auf Spielplätze und außerschulische Aktivitäten, bricht dann alles zusammen.

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