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Tchibo WE Programm

Padmaja, Jekib und Sanaiyya sind Trainer für Menschenrechte

Der Name WE steht für Worldwide Enhancement of Social Quality. Unser Ansatz: Trainer gehen über einen längeren Zeitraum in die Firmen und befähigen Manager, Angestellte und Besitzer mit Hilfe kreativer Methoden und Konfliktmoderationsprozesse, offen miteinander zu sprechen. Lange Zeit wagten Fabrik-Beschäftigte nicht, mit ihren Vorgesetzten über Missstände in ihrem Arbeitsalltag zu sprechen.

Heute, zehn Jahre nach Einführung des Trainingsprogramms WE, hat sich viel verbessert. Das WE Programm wird mittlerweile in 363 Fabriken in elf Ländern umgesetzt: China, Indien, Türkei, Bangladesch, Kambodscha, Vietnam, Pakistan, Myanmar, Laos, Thailand und Äthiopien. 27 Trainer reisen für Tchibo von Fabrik zu Fabrik und führen im Schnitt alle drei Monate Trainings durch. Drei von ihnen, Padmaja, Jekib und Sanaiyya, kommen hier zu Wort.

 

Padmaja, Team India

Ich bin sehr glücklich, dass ich gefragt wurde ob ich als WE Trainerin arbeiten wolle, denn ich habe immer an Dialog und Transparenz, statt an Kontrolle und Strafe geglaubt. Denn wie können Inspektoren eine Fabrik für zwei Tage besuchen und dann entscheiden, ob diese sozial verantwortlich handelt?

 

Während einer meiner Einsätze als Trainerin und Beraterin konnte ich den Job eines Mädchens retten, das für Diebstahl bestraft werden sollte. Das Mädchen hatte T-Shirts aus der Produktion entnommen – immer wieder, eins nach dem anderen. Als sie erwischt wurde und ihre Entlassung bevorstand, bat mich das Management einzugreifen, denn sie war eine langjährige und loyale Mitarbeiterin. Als ich mit ihr sprach verriet sie mir, dass einer der Qualitätsleiter einer europäischen Einkaufsgesellschaft sie und ihre Kolleginnen für einige Zeit sexuell belästigt hatte.

Als die Mädchen davon ihrer Vorgesetzten erzählten, bat diese sie keine Szene zu machen. Also nahm das Mädchen die Sache selbst in die Hand – indem sie die T-Shirts aus den Versandkartons entnahm. So würden weniger Stücke an ihrem Ziel ankommen und sie erhoffte sich, dass der Qualitätsleiter deshalb gefeuert werden würde. Die Arbeit mit dem Mädchen macht mir erneut klar, wie wichtig Dialog ist, um die tiefer liegenden Schichten/Gründe zu erkennen. Denn wenn du nicht ernsthaft mit den Beschäftigten und den Managern sprichst, weißt du nicht, was wirklich vor sich geht und kannst die Arbeitsbedingungen nicht verbessern.

 

Jekib, Team India

Während der zehn Jahre, in denen ich „in Social Compliance involviert war“ (in denen ich für Audits gearbeitet habe), habe ich mich immer schlecht gefühlt, bei dem was ich tat. Ich sah, dass Audits nicht dazu führten, eine sichere Arbeitsumgebung zu schaffen.

 

In einer der Fabriken, die ich überprüfte, hatten die Arbeiter sogar Angst in den Waschraum zu gehen. Denn ein Aufseher schlug sie mit einem großen Stromkabel, wenn er dachte, dass sie zu lange weg blieben. Wir besuchten viele Arbeiter mit Knochenbrüchen im Krankenhaus. Die Folge: Ich schrieb also einen Bericht über den Missbrauch. Dann schrieb die Fabrik einen Aktionsplan. Beim nächsten Besuch würden sie alle Maßnahmen an die Wände gepinnt haben. An diesem Tag würde der Stromkabel-Mensch krank sein (nicht anwesend sein). Die Arbeiter würden schweigen. Und so wäre alles geregelt…

Das ist jetzt alles fünf Jahre her, aber ich weiß, dieser Schläger ist immer noch da. 30 bis 40 solcher Audits besuchte ich im Jahr. Und dann kam WE! Und zum ersten Mal machte ich die Erfahrung, dass Manager und Arbeiter über ihre Fehler sprechen konnten, ohne dabei Vergeltung befürchten zu müssen. Die Fabriken haben die Freiheit zu entscheiden, welche Probleme sie angehen möchten – und auf welche Art.

Als ich mit WE startete warnte ich einen neuen Kollegen: „Verlasse die Audits, so lange du noch kannst.“ Es dauerte, bis ich meinen Glauben in meine Tätigkeit wiederfand. Doch jetzt sehe ich den Unterschied, den mutige Gespräche in der Fabrik machen. Das gibt mir eine unglaubliche Befriedigung.

 

Sanaiyya, Team Bangladesh

Als ich drei Jahre alt war, starb mein Vater. Meine Mutter, meine Schwestern und ich zogen bei der Familie meiner Mutter ein und lebten nach deren Regeln. Mein Onkel wurde mein Vormund. Als ich neun Jahre alt war, missbrauchte er mich sexuell. Er befahl mir zu schweigen, andernfalls würde er meine Familie auf die Straße setzen.

 

19 Jahre lange schwieg ich. Aber mit 28 fing ich an zu reden. Mein Onkel hatte zu dieser Zeit ein hohes Regierungsamt inne, also verlangte meine Familie von mir den Mund zu halten – oder zu gehen. Ich ging, zusammen mit meiner Mutter. Nach neun Monaten kehrte sie allerdings zur Familie zurück, da sie meine Schwestern so vermisste. Das war ein schrecklicher Schlag für mich.

Als Reaktion intensivierte ich meine Arbeit für eine Menschenrechtsorganisation. Ich arbeitete mit Frauen zusammen, die auch aus der Unterdrückung ausgebrochen sind, ich konnte ihren Schmerz fühlen. Über 80 Prozent der Arbeiterschaft in der Bekleidungsindustrie sind Frauen. Bangladesch verdient also viel Geld mit Frauen – was aber nie anerkannt wird. Es gibt sehr viel zu tun in punkto Menschenrechte und Geschlechtsdiskriminierung.

In den Fabriken, die ich besuche, sehe ich so viele talentierte Frauen. Mit ihnen in den WE Workshops aufrichtig Kontakte aufzubauen ist für mich sehr wichtig: ihre Geschichten zu hören, sie zu ermutigen zu sprechen und ihnen zu helfen zu erkennen,

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