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Zusammenarbeit mit Accord

Was tut sich beim Brandschutzabkommen in Bangladesch?

Ein gutes Jahr ist seit dem Fabrikeinsturz (Rana Plaza) in Bangladesch vergangen. Viel wurde seitdem in den Medien berichtet, und immer wieder tauchte die Frage auf: Hat die Textilindustrie aus der Katastrophe gelernt? Wir glauben ja. Im April 2013 haben sich Gewerkschaften, Handelsunternehmen und Nichtregierungsorganisationen (wie die Kampagne für Saubere Kleidung) zusammengeschlossen, um eine Verbesserung der Sicherheitsstandards in der Bekleidungsindustrie in Bangladesch einzuleiten.

Zum einjährigen Bestehen des „Accord on Building and Fire Safety in Bangladesh“ freue ich mich, Monika Kemperle für ein Interview gewonnen zu haben. Monika Kemperle ist Assistant General Secretary bei IndustriALL Global Union und dort zuständig für die Textil-, Bekleidungs-, Schuh- und Lederindustrie. Neben der Bekleidungsindustrie repräsentiert IndustriALL als internationale Dachgewerkschaft 50 Millionen Arbeitnehmer aus einer Vielzahl von Sektoren des produzierenden Gewerbes – unter anderem dem Maschinenbau, die Automobilindustrie, Elektronik, Chemie, die Öl- und Gasförderung und dem Bergbau.

Von Tchibo aus nahmen Nanda Bergstein, Head of Vendor Relations, und Christoph Honnefelder, Director Sourcing & Operations Non Food, am Gespräch teil.

Frau Kemperle, was ist der Accord? 

Monika Kemperle: Für den Accord stehen mittlerweile 166 Firmen, die gemeinsam mit IndustriALL Global Union, UNI Global Union und lokalen Gewerkschaften sowie Nichtregierungsorganisationen einen fünfjährigen, verbindlichen Vertrag zur Gebäude- und Feuersicherheit in der Bekleidungsindustrie in Bangladesch abgeschlossen haben. Dieser Vertrag, auch unter dem Namen Brandschutzabkommen bekannt, legt fest, dass es unabhängige Gebäude- und Feuerinspektionen auf einheitlichem Niveau und hohem Standard gibt. Dadurch soll die Sicherheit für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer am Arbeitsplatz gewährleistet werden. Außerdem sollen Gesundheits- und Sicherheitskommittees unter Mitwirkung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie lokaler Gewerkschaften installiert werden, um effizienter an der Umsetzung der Standards zu arbeiten.

Warum hat sich Tchibo für den Accord entschieden? 

Christoph Honnefelder: Mangelnder Brandschutz und fehlende Gebäudesicherheit sind ein branchenweites Problem in Bangladesch. Davon ist der ganze Industriezweig betroffen. Die Ursachen reichen von mangelnden staatlichen Inspektionen über Korruption beim Bau von Gebäuden bis hin zu mangelndem Wissen um Sicherheitsstandards sowie übermäßigen Produktionsdruck. Um nachhaltige Verbesserungen zu erzielen, müssen alle – Unternehmen, Gewerkschaften, Nichtregierungsorganisationen, die Fabrikbesitzer und die Regierung – an einem Strang ziehen. Dafür braucht es eine neue Art der Zusammenarbeit und klare Verbindlichkeiten. Das Brandschutzabkommen bietet genau das. Die Kombination aus Inspektionen, einem Trainingsprogramm und der Einrichtung von Gesundheits- und Sicherheitskommittees unter Einbeziehung der Beschäftigten, passt gut zu dem ganzheitlichen Ansatz in unseren Lieferketten, wie beispielsweise unser Trainingsprogramm WE (siehe unten). Deshalb sind wir dem Abkommen bereits im September 2012 als zweites Unternehmen weltweit nach PvH beigetreten. Wir freuen uns, dass im letzten Jahr so viele weitere Unternehmen beigetreten sind und das Vorhaben unterstützen. Damit haben wir genau den Durchsatz, den wir brauchen, um langfristige Veränderung anzustoßen.

Wie arbeiten Unternehmen im Accord mit, wie läuft die Zusammenarbeit ab?  

Nanda Bergstein: Ein Vertrag und Programm in dieser Größenordnung und unter Einbindung so vieler unterschiedlicher Interessensgruppen hat es noch nie gegeben. Daher betreten wir absolutes Neuland und müssen gemeinsam lernen. Alle Beteiligten arbeiten daran, die nötigen Programmstrukturen und –inhalte so schnell wie möglich gemeinsam auf die Beine zu stellen. Alle bringen dabei ihre Expertise ein; zum Beispiel bei der Erstellung von Inspektionsprotokollen, der Auswahl und Einstellung von Mitarbeitern oder – wie im Fall unseres Unternehmens – bei der Konzeption von Trainings zur Einbindung der Beschäftigten in den Fabriken. Es gibt ein Steuerungsgremium, in das auf Unternehmensseite drei Vertreter und drei Stellvertreter entsandt sind, sowie die gleiche Anzahl an Gewerkschaftsvertretern.

Alle unterzeichnenden Unternehmen sind gemeinsam mit den für sie produzierenden Fabriken verantwortlich dafür, dass die Verbesserungen umgesetzt werden und die Einrichtung der Gesundheits- und Sicherheitskommittees in den produzierenden Fabriken erfolgt. Setzt eine Fabrik nötige Verbesserungen nicht um, sind die unterzeichnenden Unternehmen verpflichtet, die Einkaufsbeziehung zu beenden.

Was hat der Accord im vergangenen Jahr erreicht? 

Monika Kemperle: Der Accord hat sicher erreicht, dass es in der Bekleidungsindustrie in Bangladesch ein radikales Umdenken bezüglich der Gebäude- und Feuersicherheit gegeben hat. Auch die Regierung und der Arbeitgeberverband (BGMEA/BKMEA) in Bangladesch kommen nicht mehr umhin zu akzeptieren, dass die Sicherheit der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in den Betrieben ein wesentlicher Faktor sein muss. Die Eigentümer der Betriebe in Bangladesch tun sich – glaube ich – noch etwas schwer mit den strengen Inspektionen und der Transparenz durch Veröffentlichung der Inspektionsergebnisse.

Hat sich schon etwas für die Arbeiter in den Fabriken verbessert? 

Monika Kemperle: Ob sich in den Fabriken etwas verbessert hat, ist immer auch subjektiv. Wenn man sich die Statistik der Gebäude- und Feuerunfälle ansieht, muss man eindeutig sagen: ja. Auch dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer jetzt die Möglichkeit haben eventuelle Schäden zu melden und eine Inspektion zu verlangen, ist positiv und geht in die richtige Richtung. Das andere ist das subjektive Empfinden – dies ist die Angst um den Arbeitsplatz. Wenn Gebäude nicht den Sicherheitsstandards entsprechen bzw. die Inspektoren eine Renovierung des Gebäudes bis hin zu einer eventuellen sofortigen Schließung anregen. Aber auch hier sind Regelungen zur Absicherung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Brandschutzabkommen vorgesehen.

Es gibt aktuell Kritik in den Medien, die Umsetzung des Accords dauere zu lange. Korrekt? 

Monika Kemperle: Manche Kritik mag vielleicht angebracht sein, aber dass es zu lange gedauert hat, sehe ich nicht. Wir stehen nun bei einem Jahr Accord-Vereinbarung. Es gibt Sicherheitsinspektoren, Inspektionen werden durchgeführt, Berichte werden veröffentlicht und die entsprechende Infrastruktur ist geschaffen. Die Inspektoren haben ca. 1.800 Betriebe zu begutachten und die Inspektionen gehen rasch voran. Bis Ende September sollen alle Betriebe geprüft sein.

Nanda Bergstein: Bei unserem Dialogprogramm „WE“ beziehen wir uns auf ein afrikanisches Sprichwort: ‚If you want to go fast, go alone. If you want to go far, go together.’ Das trifft auch auf das Brandschutzabkommen zu. Es ist eine ganz neue Art der Zusammenarbeit mit sehr vielen Unterzeichnern. Das Programm ist einzigartig auch in seinem Umfang und in seiner Tiefe. Es braucht Zeit, dafür Strukturen aufzubauen. Dafür ist im ersten Jahr viel geschafft worden. Sicher müssen wir als Accord in der Außenkommunikation noch professioneller werden; es ist uns nicht immer gelungen, die Öffentlichkeit auf dem neusten Stand zu halten. Aber der Fokus lag und liegt darauf, die Implementierung der Programminhalte voranzutreiben.

Was macht Tchibo konkret?

Nanda Bergstein: Wir bringen die Erfahrung aus unserem Dialogprogramm „WE“ in einer Arbeitsgruppe zum Thema Arbeiterbeteiligung ein. Uns ist das wichtig, weil wir wissen, dass die Beschäftigten in den Fabriken bereits frühzeitig Anzeichen von Brandschutz- oder Gebäuderisiken erkennen können. Sie haben jedoch häufig nicht die Möglichkeit bzw. die Rückendeckung des Managements in den Fabriken, das auch zu melden. Gemeinsam mit Gewerkschaftsvertretern und Mitgliedern von Nichtregierungsorganisationen arbeiten wir an der Konzeption von Arbeitsschutztrainings, der Einrichtung von Gesundheits- und Sicherheitskommittees und der Schaffung eines Beschwerdesystems. Als gewähltes Mitglied des Advisory Boards begleiten wir die Umsetzung des Abkommens auch aktiv vor Ort.

Wie alle anderen unterzeichnenden Unternehmen sind auch wir für die Umsetzung von Verbesserungsmaßnahmen und die Einrichtung von Gesundheits- und Sicherheitskommittees in den für uns produzierenden 18 Fabriken verantwortlich.

Neben den Aktivitäten im Accord führen wir unser bereits 2008 gestartetes WE Programm in den für uns produzierenden Fabriken fort und arbeiten in engem Dialog intensiv mit dem Fabrikmanagement, den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern und ihren Interessensvertretern zusammen. In unserem WE Programm geht es dabei über Brandschutz und Gebäudesicherheit hinaus um das gesamte Spektrum der Durchsetzung an Arbeitsrechten und Sozialstandards in den Fabriken.

 

  • Tchibo in Bangladesch: Im Büro in Dhaka sind derzeit drei Kollegen für den Bereich Nachhaltigkeit zuständig; Tchibo arbeitet mit 18 Fabriken vor Ort zusammen;  knapp 4% unserer Non Food Produkte werden in Bangladesch gefertigt (Stand Ende 2013).

 

  • Das Tchibo WE Projekt: WE wurde als Entwicklungspartnerschaft zwischen der Tchibo GmbH und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH von 2007 bis 2010 entwickelt. Die Umsetzung der in den Konventionen der Internationalen Arbeitsorganisation – ILO – geregelten Arbeits- und Sozialstandards erfolgt dabei im Dialog aller Beteiligten (Fabrikbesitzer, Fabrikmanagement, Beschäftigte in den Fabriken und ihre Interessensvertreter sowie Tchibo-Einkäufer). Mittlerweile sind 280 Fabriken weltweit in das Programm eingebunden.

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2 Kommentare zu „Was tut sich beim Brandschutzabkommen in Bangladesch?

  1. Rene Weizenfäller

    Ja ob es etwas gebracht hat ist immer subjektiv. Aber: Ich finde es sehr lobenswert, wie Tchibo zumindest hier den Anschein erweckt, sehr transparent und nach Vorne raus mit dem Thema umzugehen. Gerne mehr Berichte davon.

  2. Holger

    Hallo Zusammen,

    ich finde es sehr gut, dass die Menschen aus diesem Unglück gelernt haben.

    Der
    Werkschutz München
    ist sehr wichtig für die eigenen Mitarbeiter, dass dürfen die Unternehmer nicht vergessen.

    Viele Grüße
    Christin

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