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Verbesserung von Lebens- und Anbaubedingungen für Kaffee-Farmer*innen

Die Sache mit den Kaffeepreisen

Der Anbau und Konsum von Kaffee steigen seit Jahren. Kaffee zählt zu den wichtigsten Handelsrohstoffen weltweit. Doch der Preis für Rohkaffee unterliegt starken Schwankungen. In vielen Kaffeeanbauländern können Kaffeefarmer*innen kaum allein vom Verkauf ihrer Kaffees angemessen leben. Warum ist das so?Was ist überhaupt ein angemessener Einkaufspreis für Rohkaffee? Und führen höhere Preise automatisch zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Kaffeefarmer*innen? Ich spreche mit Andreas Christmann, Direktor Sourcing und Nanda Bergstein, Tchibo Direktorin für Unternehmensverantwortung, und gehe der Frage nach, welchen Einfluss Kaffeepreise auf die Lebensbedingungen von Farmer*innen haben und was wir tun können oder auch müssen, um diese zu verbessern.

Hallo Andreas, bevor wir stärker in die Thematik einsteigen, würde mich interessieren wie sich Kaffeepreise überhaupt zusammensetzen und was es heißt, dass der Preis starken Schwankungen ausgesetzt ist.

Andreas: Hi Darius, wenn wir über die Schwankungen von Kaffeepreisen sprechen, bezieht sich dies vor allem auf den tagesaktuellen Rohkaffeehandelspreis an der Börse. Kaffee ist ein Naturprodukt. In den meisten Ländern wird Kaffee nur einmal im Jahr geerntet. Es kommt deswegen fast automatisch zu unterschiedlichen Verfügbarkeiten bestimmter Sorten, Qualitäten oder Geschmacksprofilen über das Jahr hinweg. Wir alle haben gelernt, dass Angebot und Nachfrage den Preis bestimmen. Der Kaffeeanbau bestimmt also das Angebot – Kaffee ist eine sogenannte Cash Crop. Es handelt sich dabei also um ein Exportprodukt. Im Anbau ist der Kaffee Schwankungen unterworfen; um nur 2 Faktoren zu nennen: Wetter, sowie der „on and off“ Zyklus der Pflanze. Das bedeutet, dass eine Pflanze je nach Bearbeitung von Jahr zu Jahr unterschiedlich viele Früchte trägt. Dazu kommt, dass gerade Cash Crops von Spekulanten gern als attraktives Investment angesehen werden, und zwar in beide Richtungen des Börsenkurses, sowohl hoch als auch runter.    

Wichtig ist zu wissen, dass der Börsenpreis nicht identisch mit dem Einkaufspreis ist, den wir an unsere Lieferanten für die verschiedenen Kaffeesorten bezahlen. Die Börse ist lediglich der Basispreis.

Der tatsächliche Kaffeepreis, den wir als Unternehmen bezahlen, setzt sich aus verschiedenen Faktoren zusammen: Aus welchem Land stammt der Kaffee? Um welche Kaffeesorte (Arabica oder Robusta) handelt es sich? Welche Qualität und welche Geschmackseigenschaften hat der Kaffee? Wie ist die aktuelle, weltweite aber auch die länderspezifische Verfügbarkeit? Ist der Kaffee verantwortlich angebaut? Kurz: wir zahlen eine Qualitätsprämie und bei zertifizierten Kaffees eine Nachhaltigkeitsprämie.

Das klingt für mich logisch. Als Unternehmen kann ich dann bestimmen, welche Kriterien wie beispielsweise Geschmack und Qualität, mir wichtig sind und zahle dafür dementsprechend mehr. Das klingt für mich nach einem fairen Prinzip, um angemessene Preise zu ermitteln, oder?

Nanda: Im Prinzip wäre das so, wenn die Preise immer die tatsächlichen Produktionskosten abdecken würden. Das Hauptproblem ist, dass der Rohkaffeepreis in den letzten Jahren oft zu niedrig war. Das heißt, trotz Zuschlägen für Qualität und Geschmack können viele Kleinfarmer*innen ihre Produktionskosten kaum decken. Am Ende führt das dazu, dass sie noch mehr arbeiten und weniger Lohn an ihre Arbeiter*innen zahlen, sofern sie welche beschäftigen, um einigermaßen über die Runden zu kommen. Dies ist vor allem in den kleineren Kaffeeanbauländern der Fall, in denen es oft strukturelle soziale Probleme und Ungleichheit vor Ort gibt.  

Brasilien und Vietnam, die zwei größten Kaffeeanbauländer, sind einen anderen Weg gegangen. Sie haben auf Produktivität durch Mechanisierung, den Einsatz von Dünger und Pflanzenschutzmitteln, sowie Skaleneffekte durch deutlich höhere Feldgrößengesetzt. Damit ist es ihnen gelungen, ihre Kaffeeproduktion zu vervielfachen. Auch dies hat den Rohkaffeepreis viele Jahre nach unten gedrückt.

Hier gibt es ein Paradoxon, auf das ich hinweisen möchte. Mit wachsendem Einsatz an Dünger und Pflanzenschutzmittel steigt zwar kurzfristig der Ertrag, gleichzeitig aber auch die Produktionskosten. Die Kosten für die eingesetzten Mittel schmälern den Ertrag. Mittel- bis langfristig kann ein überhöhter Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmittel Qualität vermindern. Wenn die Böden zu stark auslaugen, hilft nur noch der steigende Einsatz an Düngemittel. Die Folgen sind langfristig zunehmende Kosten für die Farmer*innen. Ganz zu schweigen von den Folgen für die Natur: kaputte Böden, Monokulturen und ein Rückgang der Artenvielfalt.

Dann scheint die Lösung doch recht nahliegend: Einfach den Rohkaffeepreis erhöhen und schon können die Produktionskosten gedeckt werden und die Farmer*innen erhalten ein ausreichendes Einkommen.

Andreas: Natürlich ist ein dauerhafter Preis, der Produktionskosten plus eine Gewinnmarge deckt,  ein wichtiger Teil der Lösung. Für uns ist klar: der Rohkaffeepreis muss angemessen sein, d.h. die Produktionskosten decken, einen nachhaltigen Anbau ermöglichen und zu besseren Lebens- und Arbeitsbedingungen der Farmer*innen beitragen. Gleichzeitig ist es auch wichtig, dass die Farmer*innen ihre Kosten für Arbeitskräfte und Farmbewirtschaftung im Blick behalten und auch für sich persönlich einen bestimmten Betrag zurücklegen. Das mag für viele selbstverständlich klingen, doch häufig fehlt es den Farmer*innen an betriebswirtschaftlichem Wissen und meistens bewirtschaften sie ihre Farm eher intuitiv. Hierbei helfen Trainings unter anderem zur Kostenkalkulation oder der Identifizierung von unnötigen Kosten. Ein richtiger Düngeplan beispielsweise kann schon einiges zu Kosteneinsparungen beitragen. Also Preis ist absolut wichtig, aber um nachhaltig langfristig zu überleben, ich sag das mal so dramatisch, müssen die Bauern auch ihre Rahmenbedingungen verbessern können.

Es ist demnach wichtig für einen angemessen Rohkaffeepreis und gleichzeitig für eine Unterstützung der Farmer*innen beim Farmmanagement zu sorgen. Was tut denn Tchibo konkret?

Andreas: Bei uns beginnt Verantwortung im Einkauf. In einer Kombination aus Zuschlägen für Qualität und Nachhaltigkeit, insbesondere in den ärmeren Ländern des Kaffeeanbaus, zahlen wir deutlich über dem Basispreis der Börse. Dies muss aber flankiert werden: mehr Geld führt nicht automatisch zu besseren Bedingungen. Und mehr Geld kommt nicht automatisch an der richtigen Stelle an.

Deswegen ist es uns wichtig, mit den richtigen Partnern zu arbeiten. Die Kaffeelieferkette ist zwar kürzer als eine Non Food Lieferkette. Dafür ist sie viel kleinteiliger. Wir haben es mit über 100.000 Kleinfarmer*innen in über 10 Ländern zu tun. Es ist Stand heute nicht möglich, als Einzelunternehmen, Durchgriff auf alle Verästelungen der Lieferkette zu haben. Hier mag uns die Digitalisierung in Zukunft neue Wege bieten. Stattdessen brauchen wir gute und starke Partner, an neuralgisch wichtigen Punkten, die die Lieferkette organisieren. Dazu gehört neben Begleitung der Farmer*innen bzw. dem Einkauf bei Zwischenhändlern, auch die Begleitung bzw. Organisation der Veredelung der Bohnen bis hin zur Verschiffung.

Nanda: Aus den kleineren Ländern beziehen wir vor allem zertifizierten Kaffee. Hierüber können wir eine zusätzliche Farmerprämie in die Lieferketten geben, sowie Finanzierung, um Investitionen zu unterstützen. Die Gelder gehen über unsere Lieferantenpartner in die Lieferkette.

Es gibt aber Grenzen, derer wir uns bewusst sein müssen. Ein Zertifikat allein heißt nicht automatisch bessere Bedingungen, genauso wie mehr Geld nicht automatisch zu einem Großteil bei den Kleinfarmer*innen ankommt. Höhere Prämien und ein gutes Managementsystem zur Veränderung, wozu eine Zertifizierung im besten Fall beiträgt, sind aber essentielle Bausteine eines größeren Ganzen.

Wichtig sind Investitionen in die eigenen Lieferketten. Wir engagieren uns auf Ebene der Farmen im Zusammenschluss mit unseren Lieferantenpartnern. In unseren Projekten unterstützen wir Kleinfarmer*innen dabei, ihr Farmmanagement zu verbessern, ihre Kosten im Blick zu behalten und auf nachhaltigeren Anbau umzustellen. Hier gibt es eine zusätzliche strukturelle Herausforderung. Viele der Farmen sind kleiner als 2ha. Selbst bei höchsten Preisen kann davon kein Lebensunterhalt für das gesamte Jahr erwirtschaftet werden. Daher schauen wir gemeinsam mit den Farmer*innen, ob es Möglichkeiten gibt, das Familieneinkommen mit weiteren Einnahmequellen anzureichern. Eine Möglichkeit kann sein, neben Kaffee auch Obstbäume zu pflanzen. Das schafft Zusatzeinkommen, sorgt für Ernährungssicherheit und schützt die Ökosysteme; aber das ist nur ein kleines Beispiel von mehreren. Wir bewegen uns aber hier auf Projektebene. Die Maßnahmen sind nicht über unsere gesamte Kaffeelieferkette skaliert.

In Brasilien und Vietnam mit deutlich höheren Produktivitäten und teils größeren Farmen investieren wir ebenfalls, aber in ein anderes Modell, nämlich so genannte regionale Zusammenarbeit mit Fokus auf den Umweltschutz. Denn hier sind eher Verbesserungen der Umweltbedingungen als der Lebensbedingungen nötig.

Könnt Ihr mit Euren Projekten alle Kaffeefarmer*innen erreichen? Und was tut ihr da eigentlich?

Nanda: Zum heutigen Stand noch nicht. Wir sind hier auf dem Weg. Man könnte zwar argumentieren, dass wir mit den über 40.000 Farmer*innen in unseren eigenen Projekten, geschätzte 40% unserer Kaffeefarmer*innen erreicht haben. In einem gemeinsamen Verbund mit anderen Unternehmen – den International Coffee Partners – haben wir zusätzlich 90.000 Farmerfamilien erreicht. Doch ist das Engagement nicht vollständig deckungsgleich mit unserem Sourcing. Man kann also sagen, dass wir in Teilen nach dem Ökostromprinzip arbeiten – wir verbessern die Bedingungen im Kaffee insgesamt und viele dieser Kaffees werden dann auch zu Tchibo Kaffees. Wir versuchen unseren fairen Beitrag zu leisten, aber er lässt sich nur in ausgewählten Lieferketten direkt in unsere Kaffees umwandeln. Wir arbeiten aber gerade an Rückverfolgbarkeit und Modellen, um unsere Projekte auszuweiten, und hier unseren Beitrag und den Bezug zur direkten Tchibo Tasse zu erhöhen.

In fast jedem wichtigen Kaffee-Ursprungsland, aus dem Tchibo einkauft, haben wir heute schon eigene Projekte. Sie dienten ursprünglich dazu, die Menge an zertifiziertem Kaffee zu erhöhen. Heute entwickeln wir sie weiter, mit besonderem Fokus auf die Bedürfnisse der Farmer*innen. Wir wollen ihnen kein System aufoktroyieren, sondern Unterstützung leisten, die aus ihrer Perspektive sinnvoll ist. Aus unserer Sicht erreichen wir dann am meisten, wenn wir es geschafft haben, lokale Strukturen vor Ort zu unterstützen, die für die Menschen vor Ort relevant sind.

Ihr „empowered“ die Leute also.

Nanda: Empowerment ist ein Modebegriff geworden und wird gern in Projekten und in der Entwicklungszusammenarbeit verwendet. Die Intention ist es, Menschen zu stärken und das ist auch unsere. Die Kehrseite dieser Formulierung ist aber, dass sie impliziert, dass Menschen schwach sind. Doch die Frage ist: sind diese Menschen wirklich schwach oder sind die Strukturen so gestaltet, dass sie wenig Handlungsalternativen haben. Die Näherinnen in Indien und Bangladesch oder die Kaffeefarmerinnen in Honduras, die ich kennen gelernt habe, sind nicht schwach. Es sind inspirierende, starke Persönlichkeiten. Ihnen fehlt es lediglich an Raum, ihre Stimme zu erheben beziehungsweise leben sie in einer patriarchischen Kultur, die es Frauen nicht automatisch erlaubt, sich hervorzutun. Empowerment bedeutet, für sie einen Raum zu schaffen, sich ihrer Stärken und Fähigkeiten bewusst zu werden und sie weiterzuentwickeln. Genauso wichtig ist es aber daran zu arbeiten, die Barrieren zu überwinden, die sie daran behindern, sich voll zu entfalten, oder Strukturen positiv zu beeinflussen. Wenn wir eine Farmerin in einem Projekt „empowern“, sie aber nach der Aktivität genau die gleiche Strukturen vorfindet, wieviel kann sie dann von sich aus tatsächlich ändern?

Wir als Tchibo können und sollten Unterstützer sein, um sowohl die persönliche Power als auch die Strukturen zu verbessern. Es braucht aber immer Beides.

Deswegen ist es uns wichtig, nicht nur vereinzelte Lösungen zu entwickeln, sondern zum Beispiel die Einkommensproblematik systemisch zu lösen. Denn genau da liegt das Problem. Egal ob in der Holz- Textil- oder Kaffeebranche: die Problematik mit Löhnen und Einkommen ist systemisch und historisch gewachsen. Sie hat mit Machtungleichgewichten in den Lieferketten zu tun, sowie einem harten Wettbewerb im Handel, der auf Preise drückt. Langfristige Verbesserungen für die Farmer*innen erzielen wir nur, wenn wir dies als Sektor zusammen angehen. Deshalb arbeiten wir in vielen Netzwerken mit NGOs, anderen Röstern, der Politik, dem Kaffeehandel und Vertretern von Farmer*innen zusammen, um skalierbare Lösungen für bessere Einkommen zu entwickeln.

Es schließt sich hier automatisch der Kreis zu uns als Röstern, zum Handel und Konsument*innen: All diese Maßnahmen können nur dann wirken, wenn wir alle entlang der Lieferkette einen angemessenen Preis bezahlen.

Das klingt für mich danach, dass ich mich als Kaffeetrinker mit höheren Preisen abfinden muss.

Die Konsequenz wird ein höherer Verkaufspreis am Regal sein. Offen gestanden wird das für viele Produkte gelten, bei wachsender Rohstoffknappheit. Dieses Jahr merken wir in Deutschland, wie knapp das Holz geworden ist. Das liegt an der gestiegenen Nachfrage aus den USA und China. Der Klimawandel wird zukünftig sein Übriges tun und die Verfügbarkeit verknappen.

Uns allen muss bewusst sein, dass ein niedriger Preis in der Regel zu Lasten der Menschen und Umwelt geht. Und auf lange Sicht schadet das uns allen und den folgenden Generationen. Die Folgekosten für Umweltzerstörung und Armut sind um ein Vielfaches höher.

Sprich, auch ich als Kunde kann mit meiner Kaufentscheidung maßgeblich zur Verbesserung der Einkommenssituation beitragen. Doch wer garantiert mir, dass ein höherer Preis, den ich bezahle, nicht bei den Händlern und Röstern versickert, sondern tatsächlich bei den Farmer*innen ankommt?

Nanda: Die Sorge verstehe ich vollkommen.

Vorweg: Perfektion gibt es nicht. Auch Unternehmen, die sich bemühen, voranzugehen und zu investieren – hier schließe ich uns mit ein – haben noch viele Lücken und einen langen Weg zu gehen. Es gibt keine vollständige Garantie, dass das Geld ankommt. Dieser Anspruch ist zu einfach, wenn es so viele Interdependenzen gibt. Wir bewegen uns in einem komplexen System. Exzellenz in der Auseinandersetzung und Umsetzung kann man erwarten, sowie den Mut, die Barrieren immer weiter in Frage zu stellen und uns nicht mit dem Status Quo abzufinden. Perfektionismus bringt uns aber nicht weiter.

Ich kann Konsument*innen nur immer wieder den Rat geben, sich mit ihren Lieblingsmarken zu beschäftigen und zu verstehen, ob dahinter ganzheitliche Programme für Veränderung stehen und es eine ehrliche Auseinandersetzung über Herausforderungen gibt. Bei Tchibo ist das so. Wir machen es uns hier nicht leicht und suchen immer wieder nach neuen Lösungen, um Wirkung zu erhöhen.

Wir könnten uns darauf ausruhen gesiegelte Produkte anzubieten. Damit suggerieren wir unseren Kund*innen, dass alles in Ordnung ist. Das ist aber nur der Anfang. Es braucht Investitionen in die Lieferketten. Wir sind alle Teil des Systems und jeder kann mit seiner Einkaufsentscheidung einen Beitrag leisten.  

Liebe Nanda, lieber Andreas, danke für eure ausführlichen und konkreten Antworten. Ich für meinen Teil blicke nun ganz anders auf Produktpreise.

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