Alle Artikel

Auch Hexen bloggen heutzutage

Auf einen Kaffee mit: Kräuterhexe Gabriele

„Die Sonne glänzt, es blühen die Gefilde,
Die Tage kommen blütenreich und milde…“. Ob Kräuterhexe Gabriele diese Zeilen von Hölderlin als Ansporn dienen? Fest steht, der Dichter hat noch nicht gebloggt, die Herbalistin aber textet blütenreich in ihrem Kräuterhexenblog! Deshalb freue ich mich ganz besonders, anlässlich unserer Kräuterwochenwelt mit einer echten Hexe Kaffee zu trinken (nein, sie trinkt nicht nur Kräutertee und Zaubertrank) und zu plaudern. Welche Kräuter dürfen in keinem Haushalt fehlen? Warum hat auch Kaffee eine heilende Wirkung? Kann sich eine Hexe von Waldkräutern alleine ernähren? Und zum Schluss gibt’s sogar ein leckeres Gierschpesto Rezept (Foodblogger aufgepasst!).

Gabriele, nach 3 Jahrzehnten haben Sie Ihren Beruf aufgegeben um Kräuterhexe zu werden. Das Arbeitsamt hat zu dieser Umschulung sicher nicht geraten. Wie kam es zu dieser Berufung?

Kräuterhexe: Geschlummert hat der Wunsch schon immer in mir. Ich hab ihn jedoch nie ernsthaft als “Beruf” in Betracht gezogen, bis mich schließlich eine liebe Freundin fragte, ob ich nicht mal einen Vortrag über Kräuter halten könne. Ich schrieb also eine Art Schulaufsatz und bereitete mich auf eine kleine, neugierige Kaffeerunde vor. Doch dann saß ich vor über 70 Kräuterinteressierten, konnte mein Skript nur noch als Makulatur verwenden und stand einem anspruchsvollen Publikum Rede und Antwort. Durch diese Veranstaltung lernten mich auch Kurs- und Schulleiter kennen und ich bekam weitere Anfragen für Vorträge und Wanderungen.

Sie beschreiben wie es ist, im Dreieck Alltagswahnsinn (wie wir alle), Natur (schon weniger) und Magie (ganz wenige) zu leben. Wie sieht so ein typischer Kräuterhexen-Tag (oder auch Nacht) aus?

Kräuterhexe: Nun ja, den Alltagswahnsinn hab ich natürlich auch. Es gibt eben Tage, die mit Terminen überladen sind, oder das Schicksal rollt leise und heimlich ein paar mittelgroße Stolpersteine in den Weg. Die normalen familiären Pflichten habe ich genauso auf dem Plan, wie andere. Die typische “Hexenarbeit” unterscheidet sich aber kaum von einer normalen beruflichen Tätigkeit. Vormittags schreibe ich an Büchern und Artikeln, oder auch (leider viel zu selten) an meinen Blogs, nachmittags probiere ich neue Rezepturen aus oder bin auf “Kräuterjagd” in Wald und Flur. Etwas “magischer” wird es nur, wenn ich Schwingungsmittel ausprobiere, wie z. B. Bachblüten. Um diese herzustellen, werden Blüten mit Quellwasser dem Sonnenlicht ausgesetzt. Man kann aber auch “Wurzeltropfen” herstellen, die im Mondlicht ausgezogen werden. Natürlich teste ich auch überlieferte Rezepte und deren Anweisungen zu bestimmten Mondständen oder Tageszeiten. Wir belächeln diese Praktiken heute oft, aber die Wissenschaft ist den Wirkungsweisen mittlerweile auf der Spur. Was ich ein wenig schade finde. Wenn man alles erklären kann, schwindet die Magie…

Dass eine Hexe bloggt, scheint mir recht modern. Hätten das Ihre Vorfahrinnen im Mittelalter auf die eine oder andere Art auch gemacht?  

Kräuterhexe: Das glaube ich kaum.  Kräuterkundige hatten zu der Zeit keinen leichten Stand, wie wir von den Hexenverfolgungen wissen. Nur bei der furchtlosen Hildegard von Bingen könnte ich mir das vorstellen, sie hat ja um die Veröffentlichung ihrer Visionen schwer kämpfen müssen.

Kaum einer kennt heute noch die Bedeutung von Kräutern im heilenden Sinne. Wäre das nicht ein schönes Schulfach?

Kräuterhexe: Oh, ich hatte das Glück für etwa ein Jahr bei uns an der Gemeinschaftsschule im Nachmittagsunterricht Kräuterkunde anbieten zu können. Besonders die Grundschüler waren sehr interessiert und rührten mit mir im Hexenkessel. Da gab es dann schon mal ein “Rheumakissen” für Oma und eine Pfotensalbe für Strolchi. Nur bei einem Deo mit Schokoladenduft für den großen Bruder musste ich passen. Das Interesse ist eindeutig da. Im Rahmen der sommerlichen Ferienpassaktionen habe ich reichlich Anmeldungen. Erstaunlicher Weise sind hier auch junge Männer besonders engagiert. Ich würde es begrüßen, wenn Kräuter auch einmal Thema im Biologieunterricht wären. Schließlich sind sie der Ursprung unserer Heilkunde und es ist wirklich bedauerlich, wenn niemand mehr weiß, was direkt vor unseren Füßen so wächst.

Kann man jede Krankheit mit Kräutern heilen, bzw. lindern?

Kräuterhexe: Ich teile die Ansicht:  “Es gibt keine unheilbaren Krankheiten, aber unheilbare Menschen.” Da wir im Alltag den unterschiedlichsten Faktoren ausgesetzt und keine Mäuse unter Laborbedingungen sind, gibt es natürlich nicht DAS Patentrezept. Sie werden immer wieder erleben, das ein Mittel (egal ob Kraut oder Pille), dem einen hilft, dem anderen nicht. Auch in der Kräuterkunde muss jeder “sein” Kräutlein finden.  Grundsätzlich kann man jede Krankheit zumindest lindern, sehr viele aber auch heilen. Bei ernsthaften Erkrankungen ist jedoch die Begleitung durch einen Therapeuten obligat.

Gehen Sie dennoch auch mal zum Arzt?

Kräuterhexe (schmunzelt):  Ja, natürlich. Allerdings nicht mehr so oft. Ich habe das Glück, daß mein Hausarzt mich in den Kräuteranwendungen unterstützt. So ein richtiger alter Landarzt eben, der nicht jede (Pharma-) Mode mitmacht. Er sieht mich aber nur noch, wenn es mir wirklich sehr schlecht geht und vielleicht doch mal Antibiotika von Nöten sind, oder ich mir in meiner Eigendiagnose unsicher bin. Jede schwere Krankheit und jeder Fall, bei dem nicht in drei Tagen Besserung eintritt, gehören in therapeutische Begleitung. Notfalls suche ich eben so lange, bis ich einen Arzt finde, der mich in meiner Mitverantwortlichkeit ernst nimmt.

Sieht man Sie regelmäßig im Wald Kräuter suchen? Haben Sie eine Hexenküche, wo Sie diese aufbereiten?

Im Wald? Natürlich! Die Kräuter richten sich nicht nach dem Kalender, sondern nach der Wetterlage. Ich muss doch schauen, was da ist. Zur Zeit warte ich ganz ungeduldig auf das erste leckere Frühlingsgrün. Eine besondere Hexenküche hab ich nicht, da muss meine ganz normale Haushaltsküche herhalten. Zur Verarbeitung der Kräuter benötigt man keine speziellen Utensilien. Oft stellen wir auch im Wald unsere Ansätze und Tinkturen her.

Welche Kräuter sollte jeder optimalerweise zu Heilzwecken zu Hause haben und warum?

Kräuterhexe: Das richtet sich ein bisschen nach den eigenen Bedürfnissen und wer im Haushalt lebt (Kinder, Senioren). Ich bevorrate selbst recht wenig, weil ich die Kräuter meist frisch pflücken gehe, wenn ich sie benötige. Aber Kamille gegen Krämpfe aller Art, besonders bei Kindern, Schafgarbe bei Frauenbeschwerden und Magenproblemen (auch Kopfschmerzen und leichtem Bluthochdruck), Pfefferminze gegen Verdauungsprobleme, sowie Melisse und Thymian hab ich parat. Melisse ist wunderbar für Herz und Seele und Thymian ein unentbehrlicher Infekthelfer. Außerdem habe ich Wund- und Heilsalben, meist mit Ringelblumen und natürlich ätherische Öle, allen voran den Allrounder Lavendel, der von Mückenstich bis Sonnenbrand hilfreich sein kann. Wer die Kräuter für Heilzwecke benötigt, sollte aber nicht die Teebeutelchen vom Discounter holen. Das ist einfach eine Frage der Dosis. Entweder selbst pflücken, oder beim Apotheker kaufen.

Was empfehlen Sie etwa bei Schlafstörungen und Erkältungen?

Kräuterhexe: Schlafstörungen sind aufgrund der vielfältigen Ursachen ein weites Feld. Klassisch würde ich es zunächst mit Baldrian, Hopfen oder Passionsblume versuchen. Bei Erkältungen ist mein klarer Favorit Thymian. “Die nächste Grippe kommt bestimmt – doch nicht zu dem, der Thymian nimmt.” Das Zitat ist leider nicht von mir, aber besser kann man es nicht ausdrücken. Außerdem kann man die bewährten Hausmittel wie Linden- oder Holunderblütentee und heißen Holunderbeerensaft gut anwenden. Persönlich nehme ich sehr gern auch Mädesüßtee mit einem Schuss Zitrone. Der wirkt wegen der enthaltenen Salicylsäure auch schmerzstillend. Wichtig ist eine ausreichende Vitamin C Zufuhr, am besten mit unseren natürlichen Vitaminlieferanten wie Vogelbeere, Sanddorn, oder besser: Hagebutte.

Kundige Menschen können sich ja von „Unkraut“ und Blättern ernähren, die wir Unkundigen nicht mit der Lupe erkennen würden. Könnten Sie allein im Wald überleben (zumindest im Sommer)? 

Kräuterhexe: Nun, im Sommer eher weniger. Im Frühling haben wir üppiges Wildgemüse und im Herbst Früchte und Wurzeln. Am Essen wird das Überleben zu der Zeit also nicht hapern. Im Sommer herrschen jedoch die Heilkräuter vor, die reich an Wirkstoffen, aber mager an Kalorien sind… Ich habe es tatsächlich mal ausprobiert, zum Leidwesen meiner Familie. Frühjahr und Herbst entlasten die Haushaltskasse dagegen deutlich.

Ihr liebstes Kräutergericht?

Kräuterhexe: Keine Frage: Gierschpesto! Darauf warte ich jetzt schon ganz ungeduldig. Das ist so lecker, dass wir leider keinen Giersch mehr im Garten haben (wäre das nicht ein guter Tipp für gierschgeplagte Gärtner?). Darum verrate ich hier auch das Rezept:

  • 100 g Gierschblätter (am leckersten sind die noch leicht gefalteten, jungen)
  • 100 g Parmesan
  • 100 g Pinienkerne
  • 2 große Knoblauchzehen
  • 100 ml Olivenöl
  • 1 Tl. Salz

Kräuter und Käse zerkleinern (Küchenmaschine, Mörser), zum Schluss Olivenöl und Salz dazu. Etwas Öl sollte auf der Masse stehen, damit sie sich nicht verfärbt, wenn man das Pesto aufhebt (ein Fall, der bei uns nie eintritt). Lecker zu Nudeln, Kartoffeln, frischem Brot… Sollte der Giersch nicht so üppig wachsen, kann man mit Löwenzahn strecken. Giersch und Knoblauchsrauke machen sich auch wunderbar an Kartoffelsalat.

Und zu guter Letzt: Mögen Sie Kaffee? Und hat er für Sie einen bestimmten Nutzen?

Kräuterhexe: Kaffee ist mir ein genauso liebes Gewächs, wie andere Heilkräuter. Ja, Heilkräuter. Gerade in letzter Zeit hat die Wissenschaft sein gesundes Potential entdeckt. Er ist reich an Antioxidantien und wirkt positiv auf den Zuckerstoffwechsel. Aber das ist längst noch nicht alles. Wenn man den Studien glauben darf, kann er das Risiko an Alzheimer oder Parkinson zu erkranken erheblich verringern. Das ist jedoch nicht der Grund, warum ich auf meinen Morgen- oder Nachmittagskaffee nicht verzichte: Er schmeckt mir einfach, macht munter und (der Volksmund hat mal wieder Recht:) schön… ;-)

Diesen Artikel weiterempfehlen

Hier kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.