Alle Artikel

Dirndl 2013: Von Schleifen, Singles und Ausschnitten

Frauen sollten Dirndl tragen. Das sagen Nichte und Tante Hollmer, die ein wunderbares Dirndl-Buch verfasst haben: etwa über Ausschnitte, Flirtattacken und das Schleifenbinden! Kathrin Hollmer ist Journalistin und arbeitet unter anderem für jetzt.de, sie wohnt in München. Dr. Heide Hollmer wiederum ist Literaturwissenschaftlerin, Journalistin, Ex-Münchnerin und lebt heute in Kiel. Dort trägt sie zwar kein Dirndl, weiß aber (wie Kathrin) eine ganze Menge über Trends, Traditionen, Stil und Styling desselbigen. Es war also definitiv Zeit, die Hollmers auf einen Kaffee (für ein Radler war es noch zu früh) zu treffen und die wichtigen Dinge des Wiesn-Lebens zu besprechen. Und nebenbei sei’s bemerkt: Auch meine Kollegen haben sich intensiv mit dem Oktoberfest beschäftigt (inklusive Dirndl, Lederhose und Bierzapfanlage!).

 

Vor nicht allzu langer Zeit galt das Dirndl noch als Musikantenstadl-Requisite, heute ist es eher „Landlust“-Trendobjekt. Wie erklären Sie sich den Wandel?

Kathrin Hollmer: Es war nicht das Land, sondern die Stadt, die diese Trendwende ausgelöst hat, und zwar München. Seit ein paar Jahren wird auf der ganzen Welt über das Oktoberfest berichtet, und auf allen Fotos sieht man: Dirndl. Das war nicht immer so: Erst während der Olympischen Spiele 1972, als die Hostessen blau-weiße Dirndl getragen haben, erst da haben München und das Dirndl zusammengefunden. Eine Weile lang war es im „Musikantenstadl“ und ähnlichen Formaten bzw. Peergroups angesiedelt. Heute hat das Dirndl nichts Verstaubtes mehr an sich, es gibt immer mehr Designer, die sich auf Dirndl spezialisieren oder es zumindest in ihre Kollektion mit aufnehmen, Modemagazine zeigen jedes Jahr vor dem Oktoberfest die schönsten Dirndl der Saison. Das Dirndl ist, wie der gesamte Landlust-Megatrend, in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Es ist wandelbar. Und einfach schön.

Schon früher trugen die Städterinnen auf Landurlaub in den Bergen gerne das bequemere Dirndl, was wollten die Damen damit ausdrücken?

Heide Hollmer: Es war und ist ein wunderbares Rollenkostüm. Früher wollte man im Dirndl das ursprüngliche, schlichte und „echte“ Landleben nachempfinden und freute sich darauf, in „der Sommerfrische“ das strenge städtische Korsett einfach abzulegen. Denn ursprünglich war das Dirndl ja das Arbeitsgewand junger Frauen und Dienstboten, die im Bayerischen und im Österreichischen „Dirndl“ genannt wurden. Diese Romantisierung des Landlebens erfasste ganz Europa. Selbst die französische Königin Marie Antoinette spielte im Schlosspark von Versailles Bäuerin und machte sich „à la tyrolienne“ gekleidet mit Marmoreimerchen ans Kühemelken. Heute darf man im Dirndl Mädchen sein – oder sinnlich-sexy oder … .

 

Tracht oder Fashionteil, Tegernseer Trägerin oder Mädel aus Berlin: Welches Dirndl ist denn nun „wahr“ und welches „falsch“?

Heide Hollmer: Darüber lässt sich herrlich streiten. Trachten sind eigentlich sehr genau festgelegte Kleidungsgewohnheiten einer bestimmten Gegend, dazu können durchaus auch Dirndlkleider gehören. Allerdings sind diese Trachten längst von der Mode überholt worden. Bäuerliche oder städtische Trachten „leben“ heute eigentlich nur noch in geschützten Räumen, in Trachtenvereinen zum Beispiel, sie entwickeln sich nicht mehr weiter.

Kathrin Hollmer: Das Dirndl dagegen verändert sich laufend, es gehört weder einer Region noch einer Berufsgruppe und kennt keine Regeln. Es geht mit der Mode und unterliegt Trends, beschäftigt große Designer wie Karl Lagerfeld genauso wie spannende kleine Labels wie Gottseidank aus München, Ploom aus Salzburg und Mein Herzblut aus Straubing, wie man jedes Jahr in den Wochen und Monaten vor dem Oktoberfest beobachten kann. Das sind Dirndl, aber keine Tracht. Wenn jemand von „richtigen“ oder „echten“ und vor allem von „falschen“ Dirndln spricht, meint er damit eigentlich nur mehr oder weniger traditionelle Stücke.

Am Dirndl kann man Wohnort, Familienstand und sogar Vermögensverhältnisse ablesen. Wie funktioniert dieser Dirndl-Code?

Heide Hollmer: In den klassischen Trachten gibt es in der Tat viele Symbole. Da spricht fast jedes Element für sich. Denn das war ihr Zweck: dass man am Hut, am Tuch, an einzelnen Farben, an den Schmuckelementen etc. den Familienstand, den Reichtum und die Herkunft ablesen konnte. Das Dirndl von heute lässt vor allem den einen Rückschluss zu: Die Frau im Dirndl will Aufmerksamkeit und sich amüsieren – im rundum aufgehübschten Kleid von einst. Nur wer genau hinschaut, erkennt hier und da feine Unterschiede: ob und wie viel Anklang an die Tradition die Trägerin noch durchscheinen lässt.

 

Einen anderen Code senden die Fashionistas mit der Schleifenbotschaft: Was ist dran am links, rechts, hinten binden?

Kathrin Hollmer: Beim Dirndl soll die Stelle, an der die Schürzenschleife gebunden wird, den Familienstand verraten. Vorderseite rechts heißt, man ist in festen Händen. Vorderseite links signalisiert, dass man noch zu haben ist. Manche führen das auf die alte Sitte zurück, nach der der Ehemann früher links von seiner Frau ging. Eine prächtige Schleife hätte dabei gestört.
Der „Schleifencode“ ist allerdings frei erfunden. Grundsätzlich darf man die Schleife so binden, wie man mag. Mit einer Einschränkung: Wer angeflirtet werden will, sollte sie sicherheitshalber links binden – diese „Regel“ hat sich ziemlich herumgesprochen.

Tragen Sie auch Dirndl? Wenn ja welches und zu welchem Anlass?

Kathrin Hollmer: Ich schon, aufs Gäubodenvolksfest in Straubing und das Oktoberfest gehe ich natürlich im Dirndl, aber auch mal zu einer Geburtstagsfeier, Kirchweih oder ähnlichem. Ich habe inzwischen sieben Stück im Schrank, gerade habe ich ein Faible für alte Dirndl entwickelt, wie sie Julia Müller unter dem Namen Fuchsdeifeswuid verkauft.
Heide Hollmer: In meinem Schrank ist noch keines. Denn in Kiel, so zwischen Nord- und Ostsee, würde es doch eher wie eine Maskerade wirken. Aber als Beobachterin finde ich den Dirndl-Boom ganz spannend.

 

Zum Oktoberfest reisen kaum noch Nordlichter (gefühlt) ohne Dirndl. Ist dieser „Anpassungswille“ zu respektieren oder zu belächeln? 

Kathrin Hollmer: Ich denke, es geht ums Dazugehören. Das Dirndl und die Lederhose erleichtern das. Auch wenn es manchmal aussieht wie ein billiges Faschingskostüm. Dabei ist kein Münchner beleidigt, wenn jemand in Jeans und Pullover oder T-Shirt aufs Oktoberfest geht.

Heide Hollmer: Mich freut das, dass ein eigentlich so einfaches und ursprünglich auch ärmliches, aus Resten zusammengeschustertes Kleid die ganze Welt versöhnt, ja regelrecht vereint! Und ich finde es auch schön, dass das Dirndl immer wieder neu erfunden wird – und dabei hie und da alte Stoffe, alte Muster, alte Schnitte und alte Handwerkstraditionen wieder aufleben.

Und hier noch ein paar Styling-Fragen

Kann frau auch mit wenig „Holz vor der Hütt’n“ ein Dirndl tragen?

Kathrin Hollmer: Auf jeden Fall. Wir spielen in unserem Buch auch mit diesem Thema, aber ich frage mich ohnehin, wer auf die Idee gekommen ist, dass man im Dirndl um jeden Preis einen großen Ausschnitt spazieren tragen muss. Das hat sich bestimmt, wie den Schleifen-Code, irgendjemand mal ausgedacht, vielleicht, um Dirndl-BHs besser zu verkaufen.

Gilt denn die Lederhose inzwischen also genau so hip? Wie sollten Männer diese tragen und worauf achten?

Kathrin Hollmer: Mit einer Lederhose ist der Dirndl-Begleiter auf jeden Fall richtig angezogen, es gibt da aber weder ein Muss noch ein anderes Gebot, ebenso wie beim Dirndl selbst. Hübsch zur Lederhose sehen Hemden mit Vichy-Karo aus. T-Shirts und Chucks dazu gefallen mir persönlich weniger gut.

Welche Accessoires, welcher Schmuck passt zum Dirndl?

Kathrin Hollmer: Da braucht es nicht viel, am schönsten sind alter Silberschmuck und Vintage-Taschen, dezenter anderer Schmuck geht aber auch.

Welche Frisur empfehlen Sie?

Kathrin Hollmer: Wer’s klassisch mag, sollte die Haare zusammengebunden tragen, als Dutt oder geflochten, das kennt man aus den Trachtenvereinen. Dadurch kommt das Dirndl noch mehr zur Geltung.

Welche Schuhe passen gut?

Kathrin Hollmer: Am schönsten sehen klassische Pumps aus. Wenn man im Dirndl viel stehen oder gehen muss, kann man aber auch Ballerinas oder Schnürschuhe dazu kombinieren. Abgesehen von Flip-Flops und Stiefeln bis zum Knie ist – außer bei Tiefschnee –, würde ich sagen, alles erlaubt.

Diesen Artikel weiterempfehlen

1 Kommentare zu „Dirndl 2013: Von Schleifen, Singles und Ausschnitten

  1. Simone

    Kann das Buch einfach nur empfehlen, habe es sehr genossen und konnte natürlich viele Tipps zum Dirndl-Kauf auftreiben…

Hier kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.